Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 320 (sequence 24)
- Language
- German
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320 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. Aventin traut den Juden das Schlechteste zu und hält sämmtliche Anklagen und Beschuldigungen, die man gegen sie erhebt, für erwiesen; so nennt er z. B. einmal die Juden Mörder von Christenkindern und nimmt an einer andern Stelle als ausgemacht an, daß die Juden 1337 den Plan gehabt hätten, sämmtliche Christen in Deutschland zu vergiften, ohne einen Augenblick das Sinnlose und Unmögliche eines solchen Planes zu bedenken. Nur selten bieten seine Berichte ein charakteristisches Moment. Bei Gelegenheit des Kaisers Hadrian spricht er von den Juden; er erwähnt der Kämpfe unter Barkochba, der Zerstreuung der Juden; eine Art von Mitgefühl scheint sich des Schriftstellers zu bemächtigen, indem er sagt: äiLpersi, paladunäi, et eoeli et 30IL sui extorre8 va^autur per ordem, sine lare, sine komine, sine äeo, re^e. Bei dieser Gelegenheit erwähnt er ziemlich unmotivirt ihres Anspruchs, Regensburg schon vor der christlichen Zeitrechnung bewohnt zu haben — ein Anspruch, den bekanntlich manche jüdische Gemeinden Deutschlands erhoben, um der Verantwortung an der Verurteilung Christi enthoben zu sein, mit welcher man alle Nachkömmlinge der jerusalemischen Zeitgenossen Christi belegte. Auch dieser Anspruch jedoch — so ist sein Gedankengang — rettet sie nicht, tameu koe anno exxulsi exaetiyue. ^) Sehr merkwürdig, aber wie die Herausgeber belehren, aus einer bekannten Quelle, nämlich Otto von Freisingen, geschöpft ist ein anderer Bericht über ein Ereigniß des 9. Jahrhunderts. Falsche Propheten eifern wider die Juden, ein Heiliger rettet sie, nicht etwa aus Mitleid, auch nicht aus Vernunft- oder Finanzgründen, die Manche zur Bewahrung der Juden bestimmten, sondern um einer göttlichen Zusage nicht die rechte Glaubwürdigkeit zu nehmen, ne 8ei1ieet äeum wenäaeii ar^uamus Hui se relicinias eorum servaturum pollieetur. Ein ähnliches freilich recht unentschiedenes Mitgefühl, wie in einer der oben mitgetheilten Stellen, findet sich bei Aventin auch sonst. Er erzählt — übrigens auch hier nach einer bekannten Quelle und zwar den Salzburger Annalen — die Geschichte einer Blutbeschuldigung in München aus dem Jahre 1285, die mit der Verbrennung von 180 Juden in der Synagoge endete. Auch hier zweifelt er nicht an der Wahrheit der Anklage und schaudert nicht zurück vor dem grausigen Geschick; was ihn erregt, fast erbittert, ist mehr der Umstand, daß das Volk eigenmächtig handelt, nicht das Urtheil der Berufenen abwartet, und sich auch durch das Zureden der Vornehmen, des Fürsten von seinem gewaltsamen Vorhaben nicht abbringen läßt. 2) Für solche immerhin seltene Erscheinungen eines ungezügelten oder wenigstens für den Augenblick unlenkbaren Volkswillens sucht der denkende Historiker nach einem ») 1519, über die Vertreibung aus Regensburg vgl. oben S. 315. Auch Aventin eiwähnt die Erbauung der Marienkapelle an dem Platz der Synagoge und die dahin unternommenen Wallfahrten des Volkes. — Unsere Stelle ist übrigens wichtig für die Zeit der Abfassung unseres Geschichtßwerkes; ob sie zu diesem Zwecke bereits benutzt ist, vermag ich nicht zu sagen. Die Editoren der neuen Ausgabe gehen in ihren Anmerkungen nicht darauf ein. 2) Werke III, 346. — Ich setze zwei kurze Stellen hierher: auliei atyue praetores äueis impeturn eorupeseere eonaQtur, ruinas verbera fruLtra ivAerunt.... nemo xi-oliidere, ose üux neo aulioi at^ne pi-aetoreL potuers, aäeo sssvit i^nokile vulgus; vulla temprestas tantos oiet Üuotu8.