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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1888-01-01 · Heft 3 · p. Seite 317

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1888
Issue
Heft 3
Article
Die Juden und die deutsche Literatur
Date
1888-01-01
Page
Seite 317 (sequence 21)
Language
German
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 317 merkwürdiger ist, als ein ebenbürtiger Gegner angenommen und bekämpft wird. Endlich das Verhalten der Geistlichkeit. Goedeke will, daß unser Meistergesang vor der Reformation entstanden ist; mag dies auch sein, so zeigt er jedenfalls eine entschieden antigeistliche Tendenz. Alle drei Vertreter der Geistlichkeit: Bruder, Abt, Pfarrer, wollen die Sache vertuschen, doch wohl nicht aus Klugheit und Menschenfreundlichkeit, sondern aus Lauheit und Mangel an Glaubenseifer; diejenigen, welche die Sache wirklich fördern, sind Laien und Vertreter der weltlichen Obrigkeit; gerade die Hervorhebung dieser beiden Classen beweist so recht die reformatorische Gesinnung des Verfassers. Mußten viele Juden wegen erdichteter Verbrechen ihr Leben lassen, so wird es wohl damals wie später vorgekommen sein, daß die Juden auch zu den wirklichen Verbrechern ihr Contingent stellten. Einer dieser Verbrecher hieß Johannes Pfefferkorn — nicht der heftige Judenfeind aus jener Zeit unseligen Andenkens, sondern nur ein Namensvetter, aber die verhängnißvolle Aehnlichkeit der Namen wurde von den Humanisten aufgegriffen und zu heftigen Anschuldigungen ihres Gegners benutzt. Der Verbrecher, der zu Halle 1514 schmählich hingerichtet wurde, muß ein sehr verruchter Mensch gewesen sein, selbst wenn er auch nur einen kleinen Theil der Unthaten vollführt hat, die er von sich bekannte. Denn er gab sich falsche Wunder, Diebstähle, Mordanschläge, Gotteslästerungen und Aehnliches schuld. Seine Verurtheilung scheint unter Mitwirkung Ulrichs von Hutten erfolgt zu sein, der damals in Mainzischen Diensten stand und dieser begnügte sich nicht damit, den Uebelthäter ums Leben zu bringen, sondern er heftete ihm noch ein Schmähgedicht an, in welchem er mit allzugroßem Behagen die schändlichen Verrichtungen des Elenden ausmalt, die „göttliche Milde" seines Fürsten rühmt, die sich auch in der Vernichtung eines solchen Scheusals bekunde und Geschichten von blutenden Hostien und Aehnliches gläubig erzählt. II. Unter den bisher genannten Ereignissen sind gewiß manche, die auch von gleichzeitigen Historikern erzählt werden. Jedoch würde es viel zu weit führen, deren Berichte zusammenzustellen, zumal die meisten dieser Berichte nur chronikenartig das Geschehene verzeichnen, ohne uns mit neuen Thatsachen oder neuen Gesichtspunkten bekannt zu machen. Dagegen ist es nicht ohne Interesse, Aeußerungen dreier Männer zu hören, die unter den Geschichtsschreibern jener Zeit jedenfalls die ersten Stellen einnahmen: Sebastian Franck, Joachim Vadian, Joh. Aventin. Eine Characteristik dieser drei bedeutenden Schriftsteller vermag ich Das lateinische Gedicht und einige deutsche Actenstücke über die Angelegenheit bei Böcking Untteni Opera III, 344—351. Er nennt das Gedicht eine pntiäi fanatioi oäii plena exelainatw. Vgl. auch Strauß, Hutten 2. Aufl., S. 79. 2) Die Hinrichtung eines Juden zu Weesenstein 1560, und die angebliche TLdtung eines Christenknaben durch einen Juden werden durch zwei besondere deutsche Schriften, letztere in Basel 1563 erschienen, dargestellt, vgl. Kayserling in Hebr. Bibl. VIII, 84, 85.

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