Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1888-01-01 · Heft 3 · p. Seite 316

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1888
Issue
Heft 3
Article
Die Juden und die deutsche Literatur
Date
1888-01-01
Page
Seite 316 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2259275-2259334-2259338-2259479--0803-2259602
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

316 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. Synagoge zuvor. Auch hier ist ein Prediger thätig, Dr. Theuschel (Deuschle), auch hier erfolgt der Bau einer Marienkapelle auf dem Platz der Synagoge; auch hier geschehen Wunder auf der geweihten Stätte. Der eine der Dichter, Kunz Has, damals ein alter Mann, wie er sich selbst nennt, fügt zu der Beschreibung des Unglücks noch eine grausame Ironie hinzu. Ein historischer Vorgang, bei dem nur im Allgemeinen der Ort: Hennegau, aber kein Jahr angegeben ist — es muß indessen das erste Viertel des 16. Jahrhunderts gemeint sein — gab dem bekannten Dichter Pamphilus Gengenbach') den Stoff zu seinem Meistergesang „Fünf Juden". Der Inhalt des Gedichtes — ich gebe ihn mit Goedekes Worten — ist folgender: Ein Jude dringt mit vier seiner Gefährten in eine Kirche der Grafschaft Hennegau und verspottet und verhöhnt ein Bild der Jungfrau. Ein Schmied und ein Bruder überraschen sie gerade in dem Augenblicke, als einer der Juden das Bild mit einem Spieße durchsticht. Die hellen Blutstropfen rinnen dem Bilde über das Gesicht. Der Schmied will den Missethäter alsbald mit der Axt erschlagen, wird aber vom Bruder zurückgehalten. Der Jude entweicht. Der Schmied will dem Grafen Anzeige machen, wird aber vom Bruder überredet sich an einen Abt zu wenden. Der Abt empfiehlt die Sache nicht zu übereilen, vielmehr eine Weile ansteht! zu lassen. Einst erscheint dem Schmied ein Engel, ihn auffordernd die Sache nicht liegen zu lassen. Der Schmied wendet sich an den Pfarrer, der ihm rät, die Sache zu verschweigen und zu beten. Da erscheint ihm Maria mit dem Kinde selbst, genau wie sie auf dem Altar der Kirche gestanden, mit fließender Wunde, und gebietet ihm zu thun wie ihm der Engel befohlen habe. Der Schmied macht nun dem Grafen Anzeige, der besonnener Weise Zeugen verlangt. Der Schmied beruft sich auf den Bruder. Beide werden abgesondert eidlich vernommen und sagen beide übereinstimmend aus. Der Jude wird gefangen, auf die Folter gestreckt, betheuert aber seine Unschuld, beruft sich auf sein ganzes Leben, er habe nie ein Kind erzürnt, der Schmied habe aus Feindschaft auf ihn gelogen, daß er nun so grausam gefoltert werde und sich nicht verteidigen könne. Er erbietet sich zum Zweikamps mit dem Schmiede, um seine Unschuld darzuthun. Der Schmied nimmt den Kampf an, um zum Tröste der ganzen Christenheit die Ehre der edlen Kaiserin zu retten. Der Graf willigt darein, der Ring wird gemacht, Sand und Schranken werden hergeführt, der gesetzte Tag erscheint. Der Schmied springt fröhlich in den Ring, haut auf den Juden ein und würde ihn ohne Dazwischenkunft des Grafen umgebracht haben. Der Jude wird auf einem Brette zum Thore hinausgeschleift und zwischen zwei Hunden bei den Füßen aufgehängt. Der Inhalt des Gengenbachschen Poems ist deswegen so ausführlich mitgetheilt, weil es einzelne ganz besondere Merkwürdigkeiten darbietet. Zunächst, daß der Jude selbst auf der Folter das ihm imputirte Verbrechen nicht gesteht, sondern bis zuletzt beim Bekenntniß seiner Unschuld beharrt. Sodann, daß der Jude selbst sich zum Zweikampfe erbietet und, was noch 2) Pamphilus Gengenbach :c. von K. Goedeke, Hannover 1856. S. 39—53. 442. 552 f.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.