Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 315 (sequence 19)
- Language
- German
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 315 schuldlgung des Trientiner Kindermordes (1475). Schon damals hatte man 17 Regensburger Juden eingekerkert, die man erst 1480 in Folge der Vermittelung König Friedrichs frei ließ; Maximilian schützte die Juden gegen die Schuldner, die auf bequeme Art ihrer Schuld ledig werden wollten und gegen die eifervollen Anklagen, die der aus Ingolstadt hinübergekommene Domprediger Balthasar Hubmaiergegen sie erhob. Kaum war der Kaiser todt, so wurde den Juden geboten, sofort die Synagoge und in 5 Tagen die Stadt zu verlassen; die Pfänder mußten unentgeltlich herausgegeben werden. Alsbald wurde die Synagoge zerstört, an deren Stelle eine Kapelle der „schönen Maria" errichtet; die hölzerne Kapelle machte einer stattlichen Kirche Platz, die aber erst 1540 eingeweiht wurde. Bei dem Niederreißen der Synagoge und bei der Errichtung der Kapelle glaubte das sanatisch erregte Volk viele Wunder zu sehen, besonders Heilung Kranker und Besessener, die auch in den Liedern gewissenhaft verzeichnet werden. Die fünf Lieder, die sich mit dieser Angelegenheit beschäftigen, haben gemeinsame Grundzüge. Sie loben den Rath, der die Stadt von der Plage befreit — einer der Dichter zählt ebenso gewissenhaft wie unpoetisch die einzelnen Rathsherren namentlich auf —, sie schelten den Wucher der Juden und den Schaden, der durch sie dem Handel und dem Handwerk zugefügt worden, ihre Halsstarrigkeit und Christenfeindschaft, die von ihnen vorgenommene Bestechung der kaiserlichen Räthe. Einige Seltsamkeiten verdienen besondere Hervorhebung: Der Eine berichtet, daß die Juden um den Tod gefleht und diesen der Vertreibung hätten vorziehen wollen, daß man verborgene Keller mit zwei Ausgängen gefunden, in denen gewiß Christenblut vergossen wäre; der Andre lobt die Prediger als die Anstifter des gottgefälligen Werkes; der Dritte gibt der besondern Verachtung das Weib des Juden Mose preis, welche die Jungfrau Maria eine Zimmermännin genannt habe; der Vierte schilt auf Judengönner und auf „etzlich Christen, die auch den Juden gleich sich tag und nacht thun rüsten wider Maria reich." Nirgends findet sich auch nur ein leiser Ton des Mitleids für die Vertriebenen; meinen doch die Dichter, wie die Anstifter einen Akt der Nothwehr begangen zu haben gegen die durch die Juden hervorgerufene Schädigung von Regensburgs Credit und Ansehn, ja sie sehen noch einen besonderen Ruhm darin, daß man den Juden ihre Habe gelassen und nichts genommen habe 2). Die Vertreibung zu Rotenburg (1520) hatte ähnliche allgemeine Ursachen, aber keine bestimmte äußere Veranlassung; der Rath beschloß die Vertreibung, die Bürger kamen aber dem Beschlüsse durch Zerstörung der 1867, Bd. III, S. 316—338. Aus der den Liedern vorangestellten Einleitung sind die nachfolgenden Bemerkungen entnommen. — Eines dieser Lieder ist auch bei Goedeke, Grundriß II, 2. Aufl. S. 295 verzeichnet. t) Vgl. Alfred Stern in der Mg. deutschen Biogr. XII, 264—266. 2) Die Zahlenangaben der einzelnen Akten weichen von einander ab; bald werden 400, bald 800 Vertriebene genannt; als Frist, die den Ausgewiesenen zugestanden war, werden 3, 5, 7 Tage genannt. — Die zwei letzten Gedichte rühren von Jeronymus Ell, Nagler zu Regensburg, her. 2) Zwei Gedichte bei Liliencron a. a. O. 355—356. 21"°