Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1888-01-01 · Heft 3 · p. Seite 314

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1888
Issue
Heft 3
Article
Die Juden und die deutsche Literatur
Date
1888-01-01
Page
Seite 314 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2259275-2259334-2259338-2259479--0801-2259600
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

314 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. gerichtlichen Verfahrens. Aus diesem Umstände darf man aber nicht den Schluß ziehen, daß die Schrift vorwiegend für Juristen bestimmt ist. Vielmehr tritt das laien- und volksmäßige Element sehr deutlich in den Holzschnitten hervor, die der Überschrift jedes einzelnen Capitels folgen; man wird durch diese zahlreichen Bilder an die vielen ähnlichen damaligen Volkserzeugnisse erinnert, die gleichmäßig durch Wort und Bild zu wirken bemüht sind. In dieser ziemlich ausführlichen Darstellung sind drei Momente als besonders charakteristisch hervorzuheben 1. Das Betonen der frommen christlichen Ueberzeugung zweier getaufter, in die Anklage verwickelter und verurteilter Juden: noch vor ihrem Tode bekräftigen sie ihre Gesinnung, beten zu den Heiligen und wünschen von den Richtern und Zuschauern als fromme Christen betrachtet zu werden. 2. Die Bekenntnisse werden hier, wie in fast allen derartigen Processen erst auf der Folter „in der Pein" abgelegt. Der Umstand, daß dieselben „darnach frei und lediglich" wiederholt werden, ändert nichts an ihrem Werthe oder ihrer Wertlosigkeit; die Jnquirirten, die sich bei der ersten Anwendung der furchtbaren Marterinstrumente schwach gezeigt hatten, wußten wohl, daß ein Widerruf ihnen höchstens neue Qualen bereiten konnte, mochten sich aber einreden, daß ein Zugeständniß selbst gar nicht begangener Unthaten ihnen ein milderes Urtheil verschaffen könnte. 3. Der Autor unseres Berichtes hat das Streben seine Erzählungen durch allerlei Wunder auszuschmücken: sobald Paul Fromm die Hostie in den Mund nimmt, wird es um ihn dunkel; der Jude Salomon kann die Hostie nicht durchbrechen, trotz aller Mühe, die er sich gibt, sie bricht aber von selbst in drei Theile entzwei und setzt den Juden in Schrecken; einer dieser Theile wird in einen Teig eingebacken, sofort zeigt sich der Teig roth davon; der in Brandenburg gefangen gehaltene Jakob sieht im Traum neun Jungfrauen, die schönste davon, die er für Maria hält, erregt in ihm den Wunsch sich taufen zu lassen; diese, die er mit sich in geheimem Rapport wähnt, ruft er während seiner Ueberführung mehrmals an, und mehrmals wird durch ihre Hilfe, aus wunderbare Weise, der Daumstock gelockert, mit welchem seine Hände zusammengeschraubt waren, obwol nach dem ersten Male seine wachthabenden BeHüter alle Kraft und Geschicklichkeit anwendeten, den Gefangenen zu fesseln. Auch ein Humanist betheiligte sich an dieser poetischen Orgie; ein Thüringer, Hermanus Trebelius Notianus, damals Professor der Jurisprudenz in Frankfurt, der ehedem auch Huttens Lehrer gewesen war, seinem Schüler außer juristischen Kennwissen und wol auch manchen poetischmetrischen Vorschriften, wie es scheint, eine gute Portion Judenhaß eingeimpft hatte'). Die Vertreibung aus Regensburg 2) war eine traurige Folge der Be- 1) I^ra. Uarvkitioa 60 perLäia ^uäaeornni LerUvi orematornra Uder I. Vgl. die Ausführungen bei Böcking IZuttevi Opera I, 16, III, 344. Das genannte Gedicht habe ich in Berlin, Dresden, Göttingen, München, Straßburg. Weimar, Wolfenbüttel ohne Erfolg gesucht. Collegen oder Bibliothekvorständen würde ich für eine Nachweisung und Ermöglichung der Benutzung desselben sehr dankbar sein. 2) Das Material vollständig in der ausgezeichneten Sammlung von R. von Liliencron, Die historischen Volkslieder der Deutscheu vom 13.—16. Iahrh. Leipzig

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.