Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 309 (sequence 13)
- Language
- German
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 309 anlassen; ferner die einzelner Vagabunden und Verbrecher, welche Diebstahl oder Mord, mit denen ihr Gewissen beschwert war, bequemerweise Opferlämmern aufzuladen suchten, die vieles Schwere zu tragen bestimmt waren und welche durch solche Belastung Anderer sich ganz oder theilweise zu entlasten hofften. Der Haß war so deutlich erkennbar, daß ein Franzose, Pierre de Froissard, 1497 schrieb^): „Der Judenhaß ist in Deutschland so allgemein verbreitet, daß selbst die ruhigsten Männer in Aufregung gerathen, wenn auf die Juden und ihren Geldwucher die Rede kömmt. Es würde mich nicht wundern, wenn plötzlich und gleichzeitig in allen Gegenden eine blutige Verfolgung der Juden ausbräche, wie sie denn bereits aus mehreren Städten gewaltsam vertrieben sind." Eine gleichzeitige und allgemeine Vertreibung fand nun zwar nicht statt, — trotz literarischer Versuche, die eine solche in Scene setzen wollten (vgl. unten) und einer 1515 von dem Kurfürsten von Mainz geplanten Vereinigung von Fürsten und Städten „zur ewigen Vertreibung der Juden" — wohl aber viele Vertreibungen aus einzelnen Städten in den verschiedensten Theilen Deutschland^). Maximilian, der nicht eben ein Judenfeind war, zeigte sich auch den Juden gegenüber, wie überhaupt in seiner Politik, schwach und unbestimmt und duldete das gewaltsame Auftreten gegen dieselben, wenn er es nicht geradezu befürwortete. Einzelne dieser Verfolgungen nun fanden einen Nachklang in der Literatur 2). Zunächst die Verbrennung in Sternberg aus dem Jahre 1492, die noch 1512 dargestellt wurde. Der Historiker derselben ist Nicolaus Marschalk, der in der Humanistenzeit eine Rolle spielt und die junge Erfurter Gemeinde der neuen Richtung in die Arme treibt^). Seine lateinische Darstellung^) — denn die ihm zugeschriebene deutsche hat er schwerlich!) Die Stelle nach Jansien I, 383. H Eine Aufzählung bei Janssen a. a. O.; vgl. auch Grätz, Gesch. d. Juden IX, 56 ff., leider, wie gewöhnlich mit vielfachen Unrichtigkeiten und Uebertreibungen. 2) Daß man auch frühere Ludenfeindliche Schriften neu auflegen ließ, ist nicht undenkbar. So wurde das ^ortalitium ticisi eorltra «su<Za608, Laraoenog aliosyue elirisiiavas Läei ivimieos des spanischen Minoriten Alfons von Spina (1458) von Koberger in Nürnberg 1485 und 1494 (nicht 1494 zuerst, wie Grätz S. 58 A. 2 sagt) gedruckt. Doch ist zu bedenken, daß jene Schrift nicht ausschließlich gegen die Juden gerichtet ist, und daß serner der berühmte Nürnberger Buchdrucker auch andere religiöS-polemiscke Schriften veröffentlichte. Vgl. Hase, „Die Koberger", 2. Auflage Leipzig 1885, S. 157. 447. 449. Antonius Koberger ist Buchdrucker, nicht, wie Grätz zu meinen scheint, ein dem Buchhandel fernstehender Patricier; da er 1513 starb, so kann der erst 1517 beginnende Briefwechsel Huttens mit Pirckheimer kaum eine ergiebige Quelle zur Feststellung der Freundschaft zwischen K. und P. sein. H Ueber Marschalk überhaupt: Kampschulte, Univ. Erfurt I, S. 51 ff. Eine Notiz über diese Schrift Janssen I, 380 A. 3; Ausführlicheres bei Lisch, Gesch. der Buchdruckerkunst in Mecklenburg in: Jahrb. des Ver. f. meckl. Gesch. u. Alterthumskunde IV, 1839, S. 86—88. Ueber die Verbrennung in Sternberg vgl. übrigens die Notiz aus dem Memorbuch, Ztschr. I, S. 196. 5) Die Benutzung des allerdings deseeten Exemplars verdanke ich der Liberalität der Großh: Universitätsbibl. in Rostock. Das Titelblatt hat.nur die Aufschrift Nous sr-ellarum (lat. Uebersetzung für Sternberg) und ist sonst ausgefüllt durch einen höchst merkwürdigen viertheiligen Holzschnitt: 1. Das Sacramentshäuschen. 2. Verkauf des Korbes mit der Hostie an die Juden. 3. Bemühungen der Juden, die