Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 308 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Zyg Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. Schlüsse der Tragödie erfolgt und das die „aussöhnende Abrundung" herbeiführen soll. Mag das Opfer wirklich vollbracht werden, oder Stellvertretung stattfinden wie im Fall Abraham's mit Isaak und Agamemnon's mit Iphigenie. Im letzteren Fall nähert sich die Tragödie schon der Mittelgattung (dem sogenannten „Schauspiel") wie z. B. Alkestis (man könnte zusetzen wie der Philoktet des Sophokles). Im Lustspiel geschieht die „Abrundung" gewöhnlich durch die Heirath, „auch eine Art Menschenopfer" (da Heirath immerhin einen „bedenklichen Abschnitt" im Leben macht). Niemand aber will sterben, jeder Heirathen, darin liegt der Unschied zwischen Trauerspiel und Lustspiel „israelitischer Aesthetik (mit Bezug auf das „Menschenopfer": der Herr will ein Opfer haben)". 4. Die Juden und die deutsche Literatur des 16. Jahrhunderts. Die Stellung der Juden in Deutschland am Ende des Mittelalters, am Beginn der neuen Zeit, war eine ungemein traurige. Während sonst die neuen Erfindungen und Entdeckungen den Menschen jener Zeit zum Segen gereichten, bereitete die eine derselben, die Buchdruckerkunst, den Juden neues Verderben. Ehemals hatte eine Beschuldigung gegen die Juden nur an einem einzelnen Orte oder höchstens in dem benachbarten Bezirke ihre traurige Wirkung geübt — und nur allgemeine Bewegungen, wie die Kreuzzüge oder allgemeine Epidemieen, wie der schwarze Tod, hatten die Gesinnungen oder die Vorwürfe einzelner Weniger gegen die Juden allgemein verbreitet und zu ausgedehnten Wirkungen gebracht — jetzt verbreitete sich die Kunde durch schnell gedruckte Büchlein und Gedichte von Ort zu Ort. Und da die Schreiber solcher kleinen publizistischen Erzeugnisse eine bestimmte Wirkung erzielen wollten, so übertrieben sie die ihnen gewordenen Mittheilungen und erzielten dadurch, in einer ihnen freilich erwünschten Weise, eine Verstärkung des Hasses^). Jnsbesonders hatte das s. g. Martyrium des kleinen Simon von Trient — die angebliche Ermordung eines Christenknaben durch die Juden und die Benutzung seines Blutes zu rituellen Zwecken — einen furchtbaren Haß erzeugt. Der in der einen Stadt erzeugte Wahn, über welchen manche Prosaerzählungen und Volkslieder öffentliche Kunde geben, übte auch auf die anderen eine förmliche ansteckende Wirkung; verschwand irgendwo ein Knabe, so entstand gleich die Meinung, die Juden hätten ihn weggelockt und getödtet. Bewiesen ist von diesen Anklagen nicht das Geringste; denn wo es sich etwa um Zugeständnisse und Zeugnisse der Juden handelt, sind es immer blos aus der Folter erpreßte. Unter den Zeugnissen der Christen sind besonders zwei Classen zu unterscheiden: die der Geistlichen, welche bei der Unthat nicht zugegen gewesen waren und ein Interesse daran haben mußten, die erklärten Feinde ihres Glaubens als recht verderbt hinzustellen und womöglich einzelne derselben zur Bekehrung zu ver- Eine sehr gute Zusammenstellung der bezüglichen Zeugnisse vom Ende des 15. Jahrhunderts in dem vielgeschmähten Buche von Janssen: Gesch. des deutschen Volkes seit dem Ausgang des Mittelalters I, 376 -385.