Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 307 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 307 Missionswesen überhaupt, doch jedenfalls als eine freimüthige Aeußerung betrachten müssen, Jeden bei seiner Ueberzeugung zu lassen. Das Meisterstück der deutschen Literatur nun, welches diese Lehre in wunderbarer Weise vorzutragen wußte, Lessings „Nathan der Weise" gab auch Goethe Gelegenheit zu einer sehr bemerkenswerthen freien Aeußerung. Er gedenkt 2) der Schiller'schen Bearbeitung desselben und hofft es, daß es durch diese für die deutsche Bühne gesichert sei. „Möge doch", so setzt er hinzu, „die bekannte Erzählung (von den drei Ringen) glücklich dargestellt, das deutsche Publikum auf ewige Zeiten erinnern, daß es nicht nur berufen wird, um zu schauen, sondern auch um zu hören und zu vernehmen! Möge zugleich das darin ausgesprochene göttliche Duldungs- und Schonungsgefühl der Nation heilig und Werth bleiben!" Den Schluß mag eine seltsame Stelle machen. Sie findet sich in einem bemerkenswerthen Aufsatze „Nachlese zu Aristoteles Poetik" einem Aufsatze, der die besonders seit Lessing vielumstrittene Stelle über die Katharsis behandelt. Die Stelle muß im Zusammenhang mitgetheilt werden, weil der Schlußsatz, der für uns ausschließlich in Betracht kommt, für sich allein keine Möglichkeit des Verständnisses gewährt. Sie lautet: „Aristoteles versteht unter Katharsis diese aussöhnende Abrundung, welche eigentlich von allem Drama, ja sogar von allen poetischen Werken gefordert wird. In der Tragödie geschieht sie durch eine Art Menschenopfer, es mag nun wirklich vollbracht oder unter Einwirkung einer günstigen Gottheit durch ein Surrogat gelöst werden, wie im Falle Abraham's und Agamemnon's; genug, eine Söhnung^), eine Lösung ist zum Abschluß unerläßlich, wenn die Tragödie ein vollkommenes Dichtwerk sein soll. Diese Lösung aber, durch einen günstigen, gewünschten Ausgang bewirkt, nähert sich schon der Mittelgattung, wie die Rückkehr der Alceste; dagegen im Lustspiel gewöhnlich zur Entwirrung aller Verlegenheiten, welche ganz eigentlich das Geringere von Furcht und Hoffnung sind, die Heirath eintritt, die, wenn sie auch das Leben nicht abschließt, doch darin einen bedeutenden und bedenklichen Abschnitt macht. Niemand will sterben. Jedermann Heirathen, und darin liegt der halb scherz-, halb ernsthaste Unterschied zwischen Trauer- und Lustspiel israelitischer Aesthetik." Ich gestehe, daß ich mit der Stelle nichts anzufangen wußte. Um eine Erklärung zu erlangen, wandte ich mich an Daniel Jakoby, der durch sein feinsinniges Verständnis Goethe'scher Werke mir schon oft reiche Belehrung geboten hatte. Auch diesmal wurde ich in meiner Hoffnung nicht betrogen und ich darf wohl, statt seine Sprache in meine umzusetzen, seine Erklärung mit seinen eigenen Worten geben. Er schreibt: „Der ganze Aufsatz ist mit überlegener Ironie geschrieben; Goethe richtet sich gegen die Anschauung, daß das Kunstwerk bessern soll, „auf Moralität wirken". Der Ausdruck ist gebraucht mit Bezug auf das „Menschenopfer", das am 1) In dem Aufsatze „Ueber das deutsche Theater", zuerst gedruckt Morgenblatt 1815, jetzt in den Werken, z. B. Hempel'sche Ausgabe XXVIII, 719. 2) Zuerst gedruckt in der Zeitschrift „Kunst und Alterchum" 1827; in den Werken, Hempel XXIX, 491. s) — Siihnung; erstere Form aber in allen Ausgaben.