Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 306 (sequence 10)
- Language
- German
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306 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. gegen Goethe empfand, obwohl er in Weimar war, keinen Versuch, Goethe zu sehend). Wichtiger indessen als die eben nachgetragenen persönlichen Beziehungen sind einzelne Aussprüche Goethe's und einige Stellen in seinen Schriften. Zwei Aussprüche, von Riemer überliefert^), mögen voranstehen. „Die Deutschen gehen nicht zu Grunde wie die Juden, weil es Individuen sind." „Die Weiber wissen niemals, worüber eigentlich die Männer sich nicht vertragen können. Weil sie eben wie die Juden kein point ä'konveuihaben und zuletzt immer noch transigiren." Sie mögen ohne Commentar bleiben, weil sie dem allgemeinen Sinn nach auch ohne Commentar verstanden werden, eine genaue Ausführung der Goethe'schen Gedanken aber zu viel Raum einnehmen würde. Weit merkwürdiger ist ein Anderes. In den .,Frankf. gel. Anzeigen", dem kühnen Organ der Stürmer und Dränger, die uns schon eine höchst interessante Stelle lieferte^), findet sich Folgendes: Der Recensent, in welchem Scherer Goethe vermuthet hat^), geht die einzelnen Recensionen der Nicolai'schen kritischen Zeitschrift, der „Allgemeinen deutschen Bibliothek" durch und spricht sich über eine von Schulz herrührende Missionsschrist folgendermaßen aus: „Herr Schulz ist einer der schlechtesten Missionarien, die jemals Völker verwirrt haben. Die Judenbekehrung ist sein Zweck, und das Talent, das ihn dazu beruft, seine Fähigkeit hebräisch zu sprechen und was dazu gehört. Uebrigens ohne Gefühl, von dem was Mensch sei, was das Bedürfniß sei, das vor der Erweckung vorhergehen muß, woher es entspringe, wie ihm durch Religion abgeholfen werde.--Er läuft durch die Welt, bellt die Juden an, die wenigstens gescheiter sind als er selbst, beißt sich mit ihnen herum, richtet nichts aus, erbaut die guten Leute, die ihn dagegen mit Essen und Trinken erquicken u. s. w. Daß doch auch alle Missionsgeschichten Satiren auf sich selbst sein müssen." Diese lebhafte Auseinandersetzung wird man, wenn nicht als Protest gegen das t) An diesen Aufenthalt Börne's in Weimar hat sich eine ganze Sagenliteratur gebildet. Gutzkow erzählt in Börne's Leben S. 112 A.: „Börne war einmal nahe daran, Goethen in Weimar vorgestellt zu werden; Holtei wollte ihn einführen, doch schlug es Börne aus." G. stützt sich jedenfalls auf eine Notiz Börne's selbst in den Nachgel. Schr. III, S. 214, wo dieser (10. Febr. 1828) schreibt: „Holtei drang sehr in mich, morgen zu Goethe zu gehen, es werde ihn sehr freuen. Doch habe ich es abgelehnt." Holtei widerspricht dieser Nachricht aufs Entschiedenste, mit guten Gründen. „Vierzig Zahre", 2. Aufl. 4 Bd. (Breslau 1869) S. 56. Wer hat nun Recht, Börne, der unmittelbar auch dem Ereigniß oder Holtei, der mindestens 20 Jahre später schreibt? — Nach einer Mittheilung von G. Karpeles hat Holtei von dieser Sache auch in dem Aufsatze „Damals in Weimar" Salon, Bd. III, gesprochen. K. bemerkt weiter: eine Beglaubigung der Mittheilung und zwar von Börne'scher Seite findet sich in dem Aufsatz von E. Koloff „Börne in Paris" im „Jahrbuch der Literatur" (Hamburg 1839) S. 149. 2) Der erste, aus dem Jahre 1809, in: „Briefe von und an Goethe" S. 322; der zweite in Riemer's Tagebücher, Aug. 1810, mitgetheilt von R. Keil (Deutsche Revue 1887). 3) Vgl. Bd. I, S. 344. 4) Die Stelle selbst, „Franks, gel. An;." Nr. I.XV, 14. Aug. 1772, Neudruck S. 428; Scherer's Ansicht Einl. S. I.XXXII.