Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 305 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 305 „Der Schiller, Euer Exzellenz, hat uns Juden mit seiner Abhandlung: „Die Sendung Mosis", sehr wehe gethan und was das Schlimmste ist, er hat uns gekränkt, weil er die Sache gar nicht verstanden hat." Goethe, ohne in eine Meinungsäußerung einzugehen, doch bei dem Thema bleibend, äußerte: „Der Eindruck, den ich in früher Jugend in meiner Vaterstadt empfing, war mir ein mehr erschreckender. Die Gestalten der engen und finsteren Judenstadt waren mir befremdliche und unverständliche Erscheinungen, die meine Phantasie beschäftigten, und ich konnte gar nicht begreifen, wie dieses Volk das merkwürdigste Buch der Welt aus sich herausgeschrieben hat. Was sich allerdings in meiner früheren Jugend als Abscheu gegen die Juden in mir regte, war mehr Scheu vor dem Räthselhaften, vor dem Unschönen. Meine Verachtung, die sich wohl zu regen Pflegte, war mehr der Reflex, der mich umgebenden christlichen Männer und Frauen. Erst später, als ich viele geistbegabte, feinfühlige Männer dieses Stammes kennen lernte, gesellte sich Achtung zu der Bewunderung, die ich für das bibelschöpferische Volk hege, und für den Dichter, der das hohe Lied gesungen hat. Beide Bücher haben mich mannigfach beschäftigt." Unter den jüngeren jüdischen Schriftstellern und Künstlern, für welche Goethe sich interessirte, sind noch Ferdinand Hiller und Michael Beer zu nennen. An Erstern, den kürzlich verdorbenen bekannten Komponisten und Musikkritiker, richtete Goethe (10. Febr. 1827) einige Verse (seit 1833 in den Werken, Hempel'sche alte Ausg. III, S. 355), die Bezug nehmen darauf, daß Hiller mit seinem Meister Hummel eine Kunstreise anzutreten im Begriff stand. Mit Letzterm wurde Goethe durch den Naturforscher Nees von Esenbeck in Verbindung gebracht. „Der Paria" wurde in Weimar aufgeführt (Nov. 1824); die Theaterzettel an den Dichter übersandt, „das Leben ist kurz", meinte Goethe einem Bertrauten gegenüber, „man muß sich einander einen Spaß zu machen suchen"; Beer dankte dem Meister in einem beglückten Briefe. Goethe meldete darauf, daß die zweite Aufführung „einen wirklichen Enthusiasmus erregt" habe, und daß das Stück dem Repertoir gesichert sei, wies auf die Recension in der (Jenaischen) Litteraturzeitung hin und fügte hinzu: „Möge sich der wackere Mann nur niemals im Sujet vergreifen und sich vor ungünstigen Motiven hüten, davon hängt alles Spiel ab; die sorgfältigste Behandlung rettet nicht einen unglücklichen Stoff/' Beer, der damals auf Reisen war, las die Goethe'schen Zeilen später und wünschte sehnlichst, die Zeilen zu besitzen — aber ohne Erfolgs). Während die meisten jüngeren Schriftsteller das dringende Verlangen hatten, Goethe zu sehen, machte Börne, der von früh an eine Abneigung ') Goelhe's Naturw. Corr. II, 105. 106 ff. 108. 112. 120 ff. Die Briefstellen vom 12. Nov. 1824 bis 1. Febr. 1825. Mit dem ersteren Datum will das in Eckermann's Gesprächen 9. Dez. 1824, Bd. I, S. 121 nicht stimmen; jedenfalls eine der vielen Flüchtigkeiten, die bei Eckermann mit unterlaufen. — Nees von Esenbeck theilt übrigens noch, Naturw. Corr. I, S. 121 ein Gedicht M. Beer's auf seine Mutter mit und berichtet I, 165 über eine Aufführung des „Paria" in Bonn.