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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1888-01-01 · Heft 3 · p. Seite 303

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1888
Issue
Heft 3
Article
Die Juden und die deutsche Literatur
Date
1888-01-01
Page
Seite 303 (sequence 7)
Language
German
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 303 Zu diesen practisch - philosophischen Bedenklichkeiten gehört auch der Vorwurf, daß ich Börne und Heine als Juden anführe. Daß man die Juden für alle Sünden des „jungen Deutschland" verantwortlich gemacht hat, wußte ich wohl und sage es ganz ausdrücklich (Bd. I, S. 352, A. 3); aber wenn ich dieses Bestreben der Conservativen der dreißiger Jahre für ungerechtfertigt halte, soll ich deswegen aufhören, mich der Zeugnisse Börnes und Heines zu bedienen, wgnn ich von Juden rede? Soll es mir erlaubt sein, Eduard Gans, Rahel Ledin, Felix Mendelsohn-Bartholdh als Juden zu citiren, weil ihre Aeußerungen bisher noch nicht gegen die Juden benutzt worden sind, und jene beiden Schriftsteller nicht? Sind jene vielleicht weniger Juden als diese? Ich habe nicht behauptet und kann nicht behaupten, daß Börne und Heine als Juden über Goethe urtheilen, sondern weiß wohl, daß Heine als Dichter und als unartiger Kritiker und Börne als Politiker spricht, aber beide find und bleiben, wenn sie auch frühzeitig aus äußerlichen Gründen zum Christenthum übergingen, Juden, in Folge ihrer Abstammung und Erziehung, ihres geistigen von den Vorfahren ererbten Wesens. Ich kann es nicht hindern, daß Aeußerungen Beider, namentlich Börnes, von Kurzsichtigen zu Angriffen gegen das Judenthum oder gegen die Juden benutzt werden, aber ich konnte, ja durfte ihre Zeugnisse nicht auslassen, sobald es sich darum handelte, die Stellung der Juden darzulegen. Diese Erwägungen haben mich bestimmt, derartige literarhistorische Betrachtungen anzustellen und sie veranlassen mich, dieselben fortzusetzen. Wenn ich heute, in der Betrachtung rückwärtsstatt vorwärtsschreitend, das 16. Jahrhundert wähle, so stelle ich mir damit eine mühevolle und nicht sehr erquickliche Aufgabe. Denn es ist ein schauriges Nachtbild, das ich entrolle. Wie der Geschichtschreiber jener Zeit von blutigen Verfolgungen, so hat der Literaturhistoriker von schweren unbegründeten Anklagen, von heftigen, wilden Schmähungen zu berichten. Jene Verfolgungen, diese Anklagen und Schmähungen bedaure ich aufs Tiefste, ich hege inniges Mitgefühl mit den Verfolgten und schmerzliches Bedauern für die rohen Hetzer und Bedränger. Und dennoch halte ich es für meine Aufgabe, auch von diesen Zeugnissen traurigen Judenhasses ruhig zu sprechen, in objectivem Tone zu referiren und mir und Anderen klar zu machen, welche Summe von Haß, Neid, Wahn und Trotz hier zusammenkamen, um ein Schauspiel ohne Gleichen hervorzurufen. Denn es ist fast unglaublich, daß ein Zeitalter geistiger und religiöser Neubildung, in welchem man die Cultur des Alterthums mit frischer Begeisterung in sich aufnahm, den Kampf gegen die Hierarchie mit dem ungebändigten Ungestüm Freigelassener und mit der männlichen Kühnheit wahrhafter Helden führte, in welchem man die schönste Duldung, das feinste Verständniß für eine fremde, ja dem Christenthum geradezu feindliche Cultur bewies und eine Epoche freier Forschung inaugurirte, zugleich ein Zeitalter crasser Unduldsamkeit, thörichter Leichtgläubigkeit und beschränkter Engherzigkeit gegen die Juden war. Einen Grund dafür aufzufinden vermag ich nicht. Ich bescheide mich, diesen Gegensatz zu constatiren und die seltsame Stimmung im Einzelnen nachzuweisen. Möge die philosophische Erklärung dieser geschichtlichen Abnormität

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