Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 302 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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302 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. deren Betrachtungsart man bemängelt und bekämpft. Denn man läßt ja nur diejenige Betrachtungsweise gelten, die man sich selbst gebildet hat. Es gibt gewiß ewige Forderungen der Humanität, aber es ist thöricht, zu verlangen, daß alle Menschen zu allen Zeiten denselben Gehör schenken sollten, so thöricht es in wissenschaftlichen Dingen ist, von früheren Zeiten zu beanspruchen, sie hätten schon zu den Resultaten gelangen sollen, zu denen erst spätere nach mühseliger Forschung gelangt sind. Dieser sogenannte philosophische Standpunkt kann und darf sich nie mit historischer Betrachtung versöhnen. Wir wollen vergangene Dinge und Menschen sehen, wie sie gewesen sind, Ihr wollt sie uns vorführen, wie sie hätten sein sollen. Ihr mögt dem Träumer und dem Dichter genug thun, die sich aus der wirklichen Umgebung in eine bessere Welt sehnen, Ihr mögt dem Weltverbesserer schätzbares Material darreichen, mit welchem er seinem Ziele allgemeiner Menschenbeglückung näher kommt, aber Ihr werdet den Wissensdurst des Forschers nicht befriedigen und Ihr werdet der Wahrheit nicht dienen. Noch schlimmer ist es, wenn sich mit dieser philosophischen Anschauungsweise, die ich übrigens als eine wahrhaft philosophische gar nicht anerkenne, die praktische verbindet. Unsere Bestrebungen werden von vielen Juden völlig verkannt. Sie fürchten, daß durch die Aufhellung der Vergangenheit, durch Erzählung der Leiden ihrer Glaubensgenossen, durch die Mittheilung der Klagen und Vorwürfe der Gegner derselben die neueren Judenfeinde in ihren Ansichten bestärkt werden und eine Sanction ihrer Beurtheilung in den Urtheilen früherer, besonders geschätzter Männer und erleuchteter Zeiten finden würden. Ich theile diese Furcht nicht. Die Judenfeinde aller Zeiten haben in Schudt und Eisenmenger — um ähnliche Elaborate unserer Tage zu verschweigen - eine so schwer zu erschöpfende Schatzkammer, daß sie sich kaum veranlaßt fühlen werden, unsere Arbeiten zu ihren Zwecken zu benutzen. Sollte aber eine derartige Benutzung doch eintreten, so kann ich mich durch eine solche unerwartete Folge in meinen Bestrebungen nicht irre machen lassen. Wollt Ihr etwa den Dichter verantwortlich machen, wenn durch seine Schilderung von Herzenskämpfen oder seine Vorführung großer Vergehen Leidenschaften entfacht und schlimme Lüste erweckt werden? Wollt Ihr, wie weiland Hauptpastor Götze Goethes „Werther" als eine Apologie des Selbstmordes verdammen und dem Dichter schuldgeben, daß er viele unglücklich Liebende in den Tod getrieben? Mit denselben Schein gründen könntet Ihr den Prediger abhalten, von der Prostitution in großen Städten zu sprechen, den Criminalisten, große Processe darzustellen, den Medicmer und Cultuchistoriker, Wahn, abergläubische Borstellungen oder Verirrungen ärztlicher Wissenschaft und Kraft verschiedener Zeiten zu enthüllen. Es ist höchstwahrscheinlich, ja gewiß, daß durch derartige Abhandlungen oder Darstellungen, die für reife Menschen bestimmt sind, bei Unreifen die Leidenschaften, welche der Autor zu bekämpfen sucht, erzeugt oder die schlummernden geweckt werden; soll er durch diese Wirkungen, deren Verhinderung nicht in seiner Macht liegt, sich abhalten lassen, seine moralischen oder wissenschaftlichen Zwecke zu verfolgen?