Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 301 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 301 entzogen. Er hörte nicht ungern ihr bewunderndes Wort und betrachtete sie doch manchmal als Fremde, die nicht ganz fähig seien, in deutsches Kulturleben einzudringen. Er schaute auf ihr Elend, ihre Niedrigkeit, nicht selten mit der Kaltblütigkeit eines wissenschaftlichen Beobachters und doch fand er Worte von der Großartigkeit ihres Wesens, von der Ewigkeit ihres Bestandes und von der Hoheit ihres Berufes für die Zukunft. Ein derartiges Problem richtig zu präcisiren ist schon eine des Geschichtsschreibers würdige Aufgabe. Die völlige Lösung derselben zu geben, wird er nicht vermögen. Wie er nie vollständig wird nachweisen können, aus welchen Gründen einzelne Individuen und ganze Völker so und nicht anders zu gewissen Zeiten gehandelt haben — oder handeln mußten, wenn das besser klingt — so wird er nicht immer, aus der geistigen Entwicklung einer bedeutenden Persönlichkeit oder aus den bestimmenden Einwirkungen der Zeitideen, oder aus zufälligen äußeren Umständen darthun können, warum sie in dieser Art über einen gewissen Gegenstand gedacht haben. Betrachtet der Historiker nun eine solche Fragestellung als eine seinem Berufe gemäße Aufgabe, so wird er dagegen zwei Einwürfe mit Entschiedenheit zurückweisen. Der eine ist der von Seiten des Indifferenten erhobene: die Sache interessirt mich nicht, der andere der des Weltverbesserers und Philosophen: die Sache hätte eigentlich anders sein müssen oder sollen. In unserm Falle sagt der Eine: es ist mir recht gleichgiltig, wie Goethe über die Juden gedacht hat. Dem diene zur Antwort, daß für uns, die wir zur wahren Erkenntniß vordringen und das Ganze verstehen lernen wollen, nichts Einzelnes und Kleines gleichgiltig sein kann. Wir wollen belehrt sein über die Schicksale der Juden in einer Stadt oder in einem unbedeutenden Territorium; wir stellen genaue Untersuchungen an über eine Urkunde, die vielleicht nur eine winzige gesetzliche Veränderung constatirt, wir erforschen längst verschwundene Rechtszustände und bedauerliche Excesse einer Verfolgung und wir sollten nicht zu wissen wünschen, wie der erste deutsche Schriftsteller die Juden angesehen, von ihnen gesprochen hat und von ihnen gewürdigt worden ist?! Wir sollten uns nicht die Frage vorlegen, ob eine Wechselwirkung zwischen Goethe und den Juden existirt hat und, ohne uns in das Reich der Bermuthungen zu verlieren, nicht die positiven Zeugnisse sammeln, aus welchen eine derartige Wechselwirkung oder Beeinflussung sich klar ergibt? Der Philosoph aber sagt: Goethe hätte anders über Juden urtheilen müssen, er hätte auf dem humanen Standpunkt stehen sollen, welcher die Gleichberechtigung aller Menschen lehrt und eine Herabsetzung oder Verdammung Außenstehender nicht anerkennt. Auf eine solche Aeußerung kann man nur erwidern, daß sie jede geschichtliche Betrachtungsweise völlig vermissen läßt. Sie entspricht der falschen Auffassung der Ausklärungszeit, die aus dem Rahmen der Weltgeschichte das Mittelalter am liebsten entfernt hätte, weil es ihren philantropischen Forderungen zu wenig entsprach. Befolgt man diesen Weg, so entfernt man aus der Geistesgeschichte einfach dasjenige, was der Anschauung, die man selbst vertritt, zuwiderläuft. Statt gerecht zu sein, wie man sich einbildet, statt weise und wirklich human, wie man zu sein vorgibt, ist man ungerechter und inhumaner, als diejenigen.