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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1888-01-01 · Heft 3 · p. Seite 300

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1888
Issue
Heft 3
Article
Die Juden und die deutsche Literatur
Date
1888-01-01
Page
Seite 300 (sequence 4)
Language
German
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300 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. unparteiischen Betrachtungsweise, daß jene zuvörderst zu einem Schluß gelangen will, daß sie womöglich schon von vornherein eine Ansicht bereit hat, die sie durchaus beweisen will und zu diesem Zwecke sich mit ungenügendem Material begnügt, ja gern begnügt, wenn es nur für ihre Zwecke gebraucht werden kann, während diese geduldig die Bausteine sammelt, langsam die Schichten aufführt, wohl in der Hoffnung den Bau zu vollenden, aber in dem Bewußtsein, lieber auf die Tönung des Gebäudes zu verzichten, als durch Ueberstürzung die Harmonie des Baues zu zerstören. Dieses Bild darf ich wohl auf meinen Aufsatz „Goethe und die Juden" anwenden. Zu Resultaten und allgemeinen Gesichtspunkten konnte ich bei einem völlig unbekannten, nur durchaus ungenügend bearbeiteten Thema nicht gelangen, umsoweniger als ich mir selbst bewußt sein mußte, nicht aus den ersten Anhieb das weitschichtige, vielfach zerstreute Material zusammenzubringen (vgl. die Nachträge unten S. 304 ff.). Zunächst hatte ich einer verbreiteten Methode entgegenzutreten. Die Geschichtsschreiber der Juden — nicht etwa die jüdischen Historiker, die mit jenen ersten keineswegs zu verwechseln sind — haben die Unart, Völker, Könige, Gesetzgeber, Schriftsteller zu beurtheilen, nach der Art, wie sie die Juden behandelt oder geschätzt haben, d. h. sie zu verdammen, sobald sie sich den Juden ungünstig erwiesen, sie hochzupreisen, sobald sie sich als Judengönner erzeigt haben. Eine solche Methode ist der wahrhast geschichtlichen geradezu entgegengesetzt. Sie verführt nicht nur, im Einzelnen zu unwürdiger Beurtheilung bedeutender Männer, auf welche die Nation stolz zu sein gerechteste Ursache hat (vgl. dafür ein lehrreiches Beispiel oben S. 213), sondern sie verschiebt völlig den allgemeinen Standpunkt. Den Historiker, der Schiller seine Bewunderung entzieht, weil er sich gelegentlich über die Juden ungünstig geäußert hat, kann ich nur auf dieselbe Stufe mit dem Vegetarier stellen, und ein solcher ist nicht etwa ein Geschöpf meiner Einbildungskraft — vgl. Goethe-Jahrbuch Bd. V, S. 386 f. —, der den Faust nur deshalb lobt, weil er in ihm eine Verklärung des Vegetarismus sieht. Wenn man aus meiner Zusammenstellung von Zeugnissen, der ich, trotzdem ich sie so nenne, den Werth einer Darstellung nicht ganz absprechen möchte, den Schluß gezogen hat, Goethe sei ein Judenfeind gewesen, so würde mir ein solcher Schluß eigentlich nur beweisen, daß der Beurtheiler mich nicht verstanden hat. Denn ich versuchte darzuthun, daß Goethe zeitlebens mit diesem Problem, mit der Erscheinung und der Dauer des Judenthums sich beschäftigt, ich möchte sagen, gerungen hat. Seit seiner Kindheit verband er mit dem Begriff des Juden den des Schacherers und konnte diese Verbindung zeitlebens nicht los werden; daneben hegte er eine gewaltige Hochachtung für die Bücher der Bibel und die geistigen Schätze des jüdischen Volkes. Er sah Vertreter der geschmähten Nation und hielt sich doch im Ganzen fern von ihnen, obwohl er ihre Handelstüchtigkeit, Geschäftskenntniß, geistige Beweglichkeit, sittliche Reinheit bemerkte und anerkannte; hielt er sich von den Männern fern, so versagte er der Anmuth, Schönheit und Klugheit ihrer Frauen nicht seine bewundernde Huldigung. Er sprach für Toleranz in den sturmbewegten Tagen seiner Jugend und hätte als Minister den nicht völlig Anerkannten gern noch mehr Rechte

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