Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 299 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 299 Als ich der historischen Commission beitrat, in deren Austrage diese Zeitschrift erscheint, war ich, wie gewiß alle meine Collegen, von der Ueberzeugung durchdrungen, daß unsere Bestrebungen weder dazu dienen sollten, gegen den sog. Antisemitismus aufzutreten, noch etwa gar demselben Borschub zu leisten. Die Commission wollte die geschichtliche Erkenntniß fördern und die Zeitschrist war dazu bestimmt, an dieser Förderung mitzuarbeiten. Wir waren und sind von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die meisten Arbeiten über Geschichte der Juden, speziell in Deutschland, die allgemeinen Darstellungen in noch weit höherm Grade als die einzelnen Darstellungen ungenügend sind, sowohl in Folge der UnVollständigkeit des Materials als in Folge unwissenschaftlicher, parteiischer Betrachtungsweise. Beiden Uebelständen gedachten und gedenken wir abzuhelfen. Der UnVollständigkeit des Materials wollen wir abhelfen durch die Regesten, durch unsere Quellensammlung, durch Abhandlungen aller Art; der parteiischen Betrachtung wollen wir entgegentreten durch objective Darstellung. Das Laienpublikum — nicht sowohl die ungelehrten als die historisch nicht geschulten Leser — in dessen Hände diese Zeitschrist kommt und kommen soll, wird mit manchen Aufsätzen nichts anzufangen wissen. Ihm wird man sagen müssen, daß eine bibliographische Zusammenstellung, wie die von C. A. H. Burkhardt und M. Stern gelieferte — Zeitschr. Bd. II, S. 1—46, 109—149 — die nothwendige Grundlage mancher Arbeiten bildet, daß sie einem Jeden, der sich die Kenntniß einer Einzelheit verschaffen will, mühevolles und zeitraubendes Nachsuchen erspart. Man wird es belehren, daß eine statistische Mittheilung, wie die von G. Wolf gegebene — vgl. Zeitschr. Bd. I, 178 ff. — nicht etwa eine überflüssige Namensanhäufung ist, sondern ein höchst werthvolles Dokument, aus welchem man sich über die Zahl der damals an einem Orte ansässigen Juden, über ihre Herkunst, Namen, Beschäftigung, über den Zuzug aus einer Stadt in die andere, ja aus einem Land in das andere, Kenntniß verschaffen kann. Und wenn es über das Detail der von Schnapper-Arndt mitgetheilten Inventars — vgl. Zeitschr. Bd. II, S. 183—193 — unwillig sein sollte, so würde es darauf hingewiesen werden müssen, wie bedauerlich es ist, daß wir so wenig derartige Verzeichnisse besitzen, und wie wir selbst aus solchen winzigen Resten uns wenn auch kein vollständiges Bild des Haushalts und des Handelsbetriebs der Juden vergangener Zeit gestalten, so doch höchst werthvolle Züge zu einem solchen Bilde sammeln können. Die Materialien, welche in den genannten nur zum Muster herausgegriffenen Aufsätzen dargeboten werden, können nicht sofort zu allgemeinen Schlüssen benutzt werden. Nicht zürnen wollen wir den Verfassern, daß sie aus ihren Mittheilungen nicht alsbald bestimmte Folgerungen gezogen haben, sondern wollen ihnen dankbar sein, daß sie der Versuchung widerstanden haben, aus einem immerhin ungenügenden Material voreilige Resultate zu entnehmen. Denn das ist der Unterschied der parteiischen und t) Ich bemerke hier ein für allemal, daß ich in dem folgenden Schreiben nur in eigenem Namen spreche, wenn ich mich auch manchmal der Bequemlichkeit halber des Pluralis „wir" bediene. 20*