Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 298 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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298 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. und sein werden. Es gehört auch zur Geschichte des deutschen Geisteslebens und der fortschreitenden Gesittung, daß Derartiges beleuchtet werde, etwa im Gegensatz zu Lessing. Wenn es aber wahr ist, daß wir jeden Menschen als Menschen betrachten und beurtheilen sollen, daß wir Fehler oder Vorzüge einer Gesammtheit nicht dem Einzelnen im Voraus zuschreiben dürfen, so gibt es in diesem Sinne keine Judenfrage und dürfen wir auch nicht den Schein annehmen, daß wir eine solche anerkennen. Anders stellt sich die Sache natürlich bei volksgeschichtlichen und Psychologisch-geschichtlichen Untersuchungen u. dgl., überhaupt bei wissenschaftlichen Arbeiten, die an und für sich über den kleinlichen und mäkelnden Gesichtspunkt hinausheben und durch die allgemeine, überall das Menschliche erforschende Gedankenrichtung wahrhaft objectiv sind. Die Hauptsache aber bleibt, daß derartige Ausführungen weiter gehen müßten und nicht bei den äußeren Thatsachen stehen bleiben dürften, sondern aus der Eigenart der Männer, aus ihrem Zusammenhang mit ihren Geisteseigenschaften erklärt werden sollten, so daß sie durch tieferes Eingehen einer allgemeinen Bedeutung als etwa nachahmungswürdiges Beispiel entrückt und in sich selbst aufgeklärt und ausgelöst wurden. Bei Goethe z. B. hängt die Abneigung gegen die Juden und gegen ihre Gleichberechtigung mit seiner auf das Individuelle und die charakteristischen Züge gerichteten dichterischen Anschauung zusammen, in gewisser Hinsicht auch wohl mit seiner die Berechtigung der Religionsverschiedenheit und zuletzt überhaupt der positiven Religionen verkennenden Denkweise (er stand dabei noch auf dem Standpunkte der Aufklärungsperiode, eigentlich seiner das Individuelle und die geschichtliche Lebensgestaltung überaus schätzenden Anschauungsweise entgegen), jedenfalls mit seiner den politischen Neuerungen abgeneigten Gesinnung, die wieder der tieferen Erklärung bedarf. — Wenn aber Deine Darlegung der Gesinnungen Goethes in Betreff der Juden vielleicht weniger zu Mißverständnissen und Nutzbarmachung zu inhumanen Zwecken führen möchte, als ich und andere meinen, so ist es am wenigsten gerechtfertigt und eine nicht zu billigende Betrachtungsweise, daß die Urtheile Börnes und Heines als Urtheile von Juden oder von jüdischem Standpunkte angeführt werden. In den dreißiger Jahren wurde über Börne und Heine in dieser Hinsicht vielfach polemisirt, und die Schriften Rießers (s. d. „jüdischen Briefe") geben darüber Aufschluß. Soll nun das ein Fortschritt der Wissenschaft sein, daß wir wieder der alten Gehässigkeit auch nur um ein Haarbreit ein Recht einräumen? Man mag die Individualität der Schriftsteller u. a. auch aus ihrer Abstammung und den damit verbundenen Eindrücken erklären, aber Böme und Heine schrieben doch nicht als Juden, und wenn sie als solche schrieben, so müßte doch abgewogen werden, welche Vorzüge sie dadurch hatten; eine platte Einführung derselben als jüdische Beurtheiler Goethes ist aber gewiß am wenigsten objectiv. Kurz, in dieser Beziehung ist der bereits erwähnte Mangel eines höheren und umfassendern Gesichtspunkts besonders fühlbar und schädlich. Hier heißt es — die Taktik betreffend — entweder alles erschöpfend oder gar nichts sagen." Meine Antwort lautete: