Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Ueber eine Sammlung deutscher Volks- und Gesellschaftslieder in hebräischen Lettern
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 273 (sequence 42)
- Language
- German
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Volks- und Gesellschaftslieder in hebräischen Lettern. 273 im Uebrigen stimmt der bekannte Text fast Wort für Wort mit unserm überein. Auf dies Lied, das erste des Ms., folgt eine Dichtung, deren Stoff 37. ebenfalls dem alten Testament entnommen ist: die Geschichte des Propheten Jonas, und zwar in dramatischer Form behandelt. Daß die Darstellung hier als Drama beabsichtigt ist, wird nur durch einige andeutende Momente klar: an ein paar Stellen werden die Reden durch „Jona sagt" :c. eingeführt, und einmal heißt es . . . „kumt und sagt". Außerdem find es innere Gründe, die dafür bestimmend sind, die Dichtung dem Drama zuzuweisen, vor allem, daß die Reden nicht durch eingeschobene Sätze, wie „sagte er", als solche gekennzeichnet sind. Ganz zweifellos aber werden wir, wenn wir uns in der deutschen Litteratur') nach den dramatischen Jonasbearbeitungen umsehen. Wir können dann unter den drei bekannten Jonasdramen 2) mit aller Bestimmtheit als die einzige vom Schreiber benutzte Quelle bezeichnen: 5ona8, NW lustig / aueli Kurths / unä mekt mwäer untres Lpiel /.....vurek LimoQ kotkeu / unä Balthasar Kiew / in eluLelti^e Reimen bestellet. Aeäruokt 2u Lok^einturt / im law- NVI^XXII. 29 Bl. kl. 8<> (K. B. Yq. 766). Es sind in unserer Bearbeitung kaum 20 Zeilen, die nicht in der genannten Quelle, wenn auch meist nicht wörtlich, belegt werden können. Aber der Zweck, den die christlichen Verfasser und der jüdische Sammler bei diesem Stück im Auge hatten, war ein ganz verschiedener. Jene wollten belehren; sie spielen deshalb bei jeder Veranlassung auf die Verhältnisse der Gegenwart an; die Tendenz wird im Epilog deutlich ausgesprochen: Gott sendet stets einen Verkünder seines grimmigen Zornes voraus. „Als auch gesckicht zu unser zeit, da die ganz welt in sünden leit, mer dann zu dero zeit Noha oder Sodom und Gomorra auch mer dann zu Niniven; die waren Heiden, wir aber wollen Christen genannt sein, kennen das göttliche Wort und leben nicht danach; Fasten, Beten und wahre Buße nur ist imstande, „Gott in seine gezuckte Rute zu fallen". Dieser Tendenz wegen ist ein großer Personenapparat angewandt, Motive und Situationen der biblischen Erzählung neu hinzugedichtet.^) — Unser Sammler hingegen Dieser Fall ist außerordentlich lehrreich, dadurch daß er zeigt, wie vorsichtig man sein muß, ehe man ein j.-d. Werk für original erklärt. Inhalt und Form sprechen nicht gegen einen jüdischen Verfasser, einige hebräische Wörter, die im Text vorkommen, sprechen sogar für einen; und doch ist das Ganze, wie nachgewiesen werden soll, durchaus entlehnt. 2) Hans Sachs, Comedi, Der ganz Prophet Jonas 1551 (Göd. §. 155, 186). — Rothe und Klein ekr. oben (Z. 149, 287) — ^Conrad Graff, Prophet Jona in deutschen Rythmis 1564 (Reimgedicht. §. 152, 349)Z. — Ambrosius Pape, Jonas Rythmieus, Magdeburg, 1605 u. 1611 (§. 147, 188). 2) Bezeichnend ist ein Anachronismus im vierten Act; ein Bauer beklagt die Schlechtigkeit der Zeit und spricht: