Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Ueber eine Sammlung deutscher Volks- und Gesellschaftslieder in hebräischen Lettern
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 236 (sequence 5)
- Language
- German
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236 Felix Rosenberg, UeVer eine Sammlung deutscher Autoren stammen; die übrigen, beinahe vier Fünftel der Sammlung, bestehen in deutschen Volks- und Gesellschaftsliedern, die meist dem Ausgange des 16. Jahrhunderts angehören, und zum großen Teil neue Fassungen bekannter Lieder bieten; 7 Lieder unserer Sammlung aber, unter ihnen ein historisches, sind bisher noch nicht nachgewiesen') und bilden so eine Bereicherung der deutschen Nationallitteratur. Die Zeit, in der die Liedersammlung entstanden ist, ebenso wie der Wohnort und die Person des Schreibers bleibt zu ermitteln. In der Schlußzeile des letzten der aufgezeichneten Lieder nennt sich der Verfasser als Eisak Wallich aus Worms (vgl. Nr. 40). R. Kirchheim und A. Neubauer haben aus der Stelle, die das Lied im Ms. einnimmt, nach der Analogie anderer jüdischer Schriften, mit Recht, wie ich meine, geschlossen, daß dieser Autor mit dem Sammler identisch sei. Die Annahme, daß Worms der Ort der Entstehung sei, bekommt auch von anderer Seite Unterstützung; vor allem spricht dafür die geistige Anregung, die man gerade dort erhielt. Worms, der einstige Sitz der Heldensage, war im 16. Jahrhundert eins der Zentren litterarischer Interessen. Der Wormser Schulmeister Caspar Scheit, den sein Schüler, der berühmtere Fischart, mit einiger Überschätzung den besten Reimisten seiner Zeit nennt, brachte hier seine vielgelesenen Bücher „Grobianus" und „Totentanz", die wohl mehr verbreitet waren als ihre lateinischen Originale, auf den litterarischen Markt. Hier macht sich ein Einfluß des westlichen Nachbars geltend, bei dem die sog. Plejade, mit Pierre Ronsard an der Spitze, die Litteratur beherrschte; z. B. in Scheit's „Lob des Mayen" ist diese Einwirkung deutlich sichtbar. Worms war eine der Pflegestätten der Fastnachtspiele. Hier blühte eine Meistersängerschule. Und gleiche Kulturentwickelung, gleiche Interessen verbanden Worms mit Straßburg, wo bei Bernhard Jobin Fischart's volkstümliche Bücher erschienen, und mit Heidelberg, wo der Hof einen Sammelplatz von Schöngeistern bildete. — Hier in Worms saß gewissermaßen der Reiche zu Tisch, und — die Bedürftigen konnten manchen Brocken erhaschen. Und in der That können die Juden der Stadt nicht teilnamlos für diese Culturbestrebungen gewesen sein. Eine Betrachtung dessen, was die jüdischen Schriften im allgemeinen an durchaus Deutschem in sich ausgenommen haben, läßt eine Anteilnahme der Wormser Juden an den geistigen Erzeugnissen ihrer christlichen Mitbürger schon von vornherein erwarten; aber auch im speziellen möchte ich etwas dafür geltend machen, das zwar nicht überzeugende Beweiskraft besitzt, aber sich doch wenigstens als beachtenswertes Anzeichen bietet: in dem Berliner Exemplar von Scheit's „Die Fröhlich Heimfahrt" (K. B. Ah 2406) stehen auf Bl. 16^ am Seitenrande mit alter Tinte einige Wörter in hebräischer (cursiv) Schrift, von denen leider nur ein paar Buchstaben lesbar geblieben sind, da das Ganze verwischt ist. Dazu kommt, daß in dem Liede, dessen Verfasser Eisak Wallich aus Worms ist, 2 Verse vorkommen, die wir fast wörtlich in dieser Scheit'schen Dichtung wiederfinden (vergl. Nr. 40). Viel- ') Ein Lied (Nr. 31) ist zwar schon einmal erwähnt worden, ist aber noch ungedruckt.