Zeitschrift für hebraeische Bibliographie
- Journal
- Zeitschrift für hebraeische Bibliographie
- Volume
- XI (1907)
- Issue
- 5 (September-Oktober 1907)
- Date
- 1907-09-01
- Page
- Seite 158 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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158 Handschriften und alle Talmud-Drucke bis in die Mitte des XVI. J&hrh. Haben überall, wo in unseren gangbaren Ausgaben מומר steht, ausn&hmles das Wort משומד. Dieses Wort galt in den Augen der unwisseuden päpstlichen Büchercensur als anstOssig, als eine Beschimpfung der Christen und hat mit dazu beigetragen, dass der Talmud eines der bestgehassten und meistverfolgten Bücher geworden ist. Die unerbittliche Strenge des Talmudverbotes, das seit der am 9. September 1663 in Rom vollzogenen Talmudverbrennung ein Vierteljahrhundert hindurch ungemildert bestand, führte zur Vernichtung der weitaus •meisten Talmudexemplare in Italien. Die Bemühungeu der Juden beim Tridentinischen Concil die Erlaubnis zum Neudrucke eines expurgierten Talmudtextes zu erwirken, blieben zunächst erfolglos (s. Stern, Urkundl. Beiträge Nr. 128—131). Erst 1678 bil 1582 wurde in Basel der von dem Apostaten Marco Marini als dem dazu bestellten Censor expurgierte Talmudtexe gedruckt. In dieser Ausgabe begegnen wir zum ersten Male neben anderen Textesmisshandlungen auch der neuerfündenen harmlosen Bezeichnung מומר statt משומר. Näheres bei Rabbinovicz in seinem מאמר על הדפסת התלמוד, S. 66—70. Die Baseler Talmudausgabe war textlich so arg zugerichtet, dass die Exemplare selbst bei Juden nur geringen Absatz fanden, und die italienischen Gemeinden sich veranlasst sahen, durch ihre Deputierten mit der römischen Jndex-Congregation wegen der Erlaubnis zum Neudrucke eines revidierten und gereinigten Talmudtextes zu unterhandeln. Bei der Vereinbarung der für die Ausbesserung des Talmud aufzustellenden Regeln einigten sich die Kardinale der Jndex- Kommission unter Hinzuziehung der jüdischen Deputierten ain 7. August 1690 über die Aenderungen einzelner anstössiger Ausdrücke, so auch über die Er- Setzung des Wortes משומד durch מומר oder עבריין. Trotz der sehr grossen Geldopfer, die in den Jahren 1685—1590 von den italienischen Gemeinden aufgebracht wurden, ward schliesslich nichts erreicht. Das nähere s. Stern, Nr. 141-154. Feststeht, dass die Bezeichnung מומר erst von der Censur des XVI. Jahrh. als Ersatz für משומר neu geprägt worden ist. Aber מומר findet sich regelmässig iu dem neuen Jeruschalmi-Text, der aus einer Handschrift vom Anfänge des XIII. Jahrhunderts abgedruckt sein soll (Fol. la Z. 8.; 2 a, Z. 1. 2. 6; 2b, Z. 3 v, u. und letzte Z.; 3a, Z. 1 (zweimal); das. Z. 4. 8. 11; ausnahmsweise einmal 3 a, Z. 6 עבריין לשחיטה). Da der Herausgeber durch seine Erzählung von der Herkunft der Handschrift uns die volle Gewissheit verschafft, dass sie niemals eine Censur passiert hat, ist es ausgeschlossen, dass im Texte der Handschrift ursprünglich משומד gestanden haben kann. Dieses eine aber genügt, um die Unechtheit der Handschrift unwiderleglich zu erweisen. Der nicht wissenschaftlich geschulte Fälscher, dessen Identität mit dem Herausgeber ich durchaus nicht behaupte, hatte keine Ahnung davon, dass in einem alten Jeruschalmi-Manuskript das Wort מומר eine Unmöglichkeit ist. Dieser den Talmudkundigen unwissenschaftlichen Schlages so geläufig gewordene Ausdruck ist für ihn zum unbarmherzigen Verräter seiner Fälschung geworden. Damit zerfällt auch die abenteuerliche Erzählung des Herausgebers, dass Josua Benveniste in Const&ntinopel die kostbare Handschrift von einen dortigen portugiesischen Marannen erhalten habe, in dessen Besitz sie wiederum aus dem Nachlasse eines von Juden abstammenden spanischen Geistlichen gelangt sei. Selbst der angebliche Brief des Moses Benveniste über die Auffindung der Handschrift scheint mir schon in seinem ersten Worte, der Abkürzung שיל״ת, den Stempel der Unechtheit an der Stirn zu tragen. Schade um die von Schechter und Güdemann gewährte Unterstützung zur Herausgabe dieses Talmi-Talmud Jerusehalmi. Borges.