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Zeitschrift für hebraeische Bibliographie · 1906-11-01 · 6 (November-Dezember 1906) · p. Seite 168

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Journal
Zeitschrift für hebraeische Bibliographie
Volume
X (1906)
Issue
6 (November-Dezember 1906)
Date
1906-11-01
Page
Seite 168 (sequence 8)
Language
German
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168 wegen seiner gegenteiligen Eigenschaften ״Nachlässigkeit“ und ״absoluten Mangel an ästhetischen Qualitäten“ (p. 97) vorwirft. Noch souveräner urteilt Herr Liber über die Werke Raschi’s selbst: ״Es ist also klar, dass Raschi’s Werke keine grosse Originalität oder richtiger keine grosse schöpferische Kraft verraten. Es fehlt Raschi der hohe Standpunkt, der weite Ausblick und die grosse Auffassnng. Er besass weder literarischen Geschmack noch ästhetischen Sinn. Er begnügte sich damit, eine dunkle Stelle zu beleuchten, eine Lücke auszufüllen, eine scheinbare Unvöllständigkeit zu rechtfertigen, eine Eigentümlichkeit des Styles zu erklären, oder Widersprüche auszugleichen. Niemals versuchte er es, auf die Schönheiten des Textes aufmerksam zu machen oder eine höhere Vorstellung von dem Original zu geben; niemals gelang es ihm, die Humanität eines Gesetzes oder allgemeine Bedeutung eines Ereignisses hervorzuheben. Auch betrachtete er die Dinge nicht in ihrer Gesammtheit. . . . kurz, sein Horizont war beschränkt und es fehlte ihm an Perspektive“ (p. 12). Hat der Verf., als er diese Worte niederschrieb, sein eigenes Zitat aus Sabbatai Scheftel Hurwitz (p. 218) ״I know bj tradition that whower finds a deffect in Raschi,* has a defect in his own brain“ aus dem Auge verloren? Oder glaubt er wirklich durch derartige, auf Mangel an literarhistorischem Verständnis beruhende Urteile, den mittelalterlichen Kommentatoren Raschi bei seinem englisch lesenden Publikum als ״Klassiker“ (p. 134) einzuführen? Jedenfalls dienen diese und ähnliche Sätze zur Beleuchtung der Unfähigkeit des Verfassers, sich von der Anschauungsweise der modernen Bibelexegese frei zu machen (die allerdings unserer Bibel kühl und unbeteiligt genug gegenübersteht, um diese ästhetisch und ethisch zu beurteilen und im Einzelnen zu bewerten) und Raschi aus seinem eigenen Geiste und seiner eigenen Zeit heraus zu verstehen. So wird denn auch Herr Liber dem Talmudkommentar (p. 135 158), dem gegenüber es ja ״keinen“ modernen exegetischen Standpunkt giebt, viel eher gerecht als dem Bibelkommentar (p. 104—134). Im Verlaufe der Besprechung der weiteren Werke Raschi’s unter denen der Siddur mit mit keinem Worte erwähnt wird, hat Herr Liber wieder harte Urteile: Raschi schrieb seine Responsa ״stets in einem poetischen Jargon“ (p. 168), und die mittelalterlichen religiösen Poesien der Juden Frankreichs und Deutschlands haben nicht ״den mindesten künstlerischen Wert“; denn ihren Dichter waren ״die Begriffe von Kunst und Schönheit fremd“ (p. 173). Zwei Appendices (p. 225—239 geben 1. den Stammbäum der Familie Raschi’s und 2. eine Raschibibliögraphie. Es folgen noch (p. 243—269) Anmerkungen zum Text, die vielfach ungenaue und bibliographisch unvollständige Angaben enthalten. (Vgl. z. B. Noten 5, 21,22 und 25). Das Buch schliesst mit einem sehr ausführlichen (p. 263—278) und gut gearbeiteten Index Es. ist aufrichtig zu bedauern, dass Herr Liber bei seiner Kenntnis des Quellenmaterials es für gut befunden, in einer dem Andenken Raschi’s gewidmeten Erstlingsarbeit, die keine Bereicherung der Wissenschaft bedeutet, einen solch’ burschikosen und absprechenden Ton anzuschlagen, dass schon dieser allein die vorliegende Schrift zu Popularisationszwecken ungeeignet macht, und keineswegs dazu beiträgt, die Verehrung für Raschi zu mehren und zu verbreiten. Aus der Fülle der Einzelheiten möchte ich nur Einiges hervorheben: p. 27. Was versteht der'Autor unter ״rabhinischer Literatur“, dass er behauptet, sie beginne erst mit Gerschom ben Judah (960—1028)? Ib. ist das für den Gaon Nat-ronai ben Hilai angegebene Datum richtiger , zwischen 853 und 856 als um 865 anzu-

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