Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für hebraeische Bibliographie · 1903-01-01 · 1 (Januar-Februar 1903) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für hebraeische Bibliographie
Volume
VII (1903)
Issue
1 (Januar-Februar 1903)
Date
1903-01-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2254995-7565911-7600121--1259-2256198
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

12 haltigsten hat Maimonides eingewirkt. Sein Lehrsatz, dass ebenso für die Weltewigkeit, wie gegen einen zeitlichen Weltanfang kein stringenter, demonstrativer Beweis geführt werden kann, dass also die Wissenschaft den Gedanken einer Schöpfung als möglich anerkennen muss und somit der Glaube hiefür freies Feld findet, ist von der Scholastik acceptiert worden, um die kirchlichen Bedenken gegen den Aristotelismus zu beseitigen (S. 10); auch seine Lehre von dem biblischen Ritual und Opferwesen, Propheten und Engeln wird für die christliche Denkweise allenthalben verwertet. Obschon sämtliche scholastische Lehrsysteme jener Zeit sich auf dem Boden der arabischaristotelischen Philosophie bewegen, so hat doch die mehr zu populärer Activität neigende Schule des Franciscanerordens sich mehr an Gabirol angeschlossen, weil derselbe, ihrem neuplatonisch gefärbten Standpunkt entsprechend, auch den geistigen Substanzen eine Zusammensetzung aus Materie und Form zuschreibt, hingegen hat die von gelehrter Kontemplation getragene Schule des Dominikanerordens, die reinen Aristoteliker, sieh mehr dem Maimonides zugewandt. Demnach hat die jüdische Religionsphilosophie zum Aufblühen dieser beiden Schulen im 13. Jahrh. auch ihr Teil beigetragen. Vielleicht kann man es auch als ein leises Anzeichen für die Jugend der Kabbalah deuten, dass Raimundus Lullus (1236—1316) der erste Christ ist, der die Kabbalah nennt, freilich ohne sie zu kennen. Das Wenige, das er weiss oder vielmehr nicht weiss, hat er offenbar vom Hörensagen, und es ist bezeichnend, dass er die Kabbalah erklärt als receptio veritatis cujuslibet rei divinitus revelatae animae rationali (S. 152 Anm. 2), d. h. ״der Empfang der Wahrheit einer Sache durch die göttliche Offenbarung an die Vernunftseele״ — eine Erklärung, welche mit der Anschauung des zeitgenössischen Abraham Abulafia von der Kabbalah übereinstimmen würde. Im übrigen geht daraus hervor, dass damals noch nichts von der Kabbalah lateinisch übersetzt und mitgeteilt war. Ebenso ist wohl Nicolaus Cusanus (1401—1464) der erste Nichtjude, der das Buch Rasiel citiert (S. 169 Anm. 2). Von den wenigen ganz nebensächlichen Punkten, in denen wir dem Verfasser nicht beipflichten, heben wir aus der Einleitung (S. 3) die Behauptung hervor, dass Saadia ״in seiner Wahl zwischen Plato und Aristoteles schwankt“. Saadia schwankt durchaus nicht, sondern steht auf seinem Plato, den er wohl in übersetzten Auszügen gekannt hat. Was man bei ihm als aristotelisch anspricht, war längst wissenschaftliches Gemeingut geworden, wie das Kategorienschema, das Streben der vier Elemente nach oben oder unten u. dgl. Dagegen hat er von Plato die Psychologie, die Ethik u. a., ja der ganze 10. Tractat liest sich wie Auszüge aus Plato. Selbst die Definition des Raumbegriffs ist gar nicht aristotelisch, wie der Verfasser meint und auch in seiner ״Religionsphilosophie des Saadia“ (S. 78) behauptet. Denn Aristoteles sieht den Raum in dem Verhältnis des Umschlies'senden zu dem Umschlossenen, doch wohl in einem und demselben Ding. Saadia dagegen meint: wenn zwei Körper aufeinander stossen oder, wie Guttmann wörtlicher übersetzt ״sich begegnen“, so dass sie sich berühren, dann ist die beiderseitige Berührungsstelle der Raum oder der Ort, und je einer der beiden Körper ist der 011 für den anderen1). Diese Erklärung nähert sich der des Jamblichus, der überdies Gott für den Ort aller Dinge erklärt (Zeller, Philosophie der Griech. HI, 2. Abt.3 S. 706 Anm. 1). *) Emunoth wedeoth, Tract. 1 gegen Ende.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.