Zeitschrift für hebraeische Bibliographie
- Journal
- Zeitschrift für hebraeische Bibliographie
- Volume
- VI (1902)
- Issue
- 6 (November-Dezember 1902)
- Date
- 1902-11-01
- Page
- Seite 172 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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172 nischen Schrifttum übel angeschriebene Person, wie z. B. Haman, Bileam sich beziehen, 2. die kanonischen Evangelien, selbstverständlich im Zerrspiegel tendenziöser Carricatur, 8. folkloristische Motive (s. die trefflichen Ausführungen des Yf. S. 211—226), 4. freie gehässige Erfindungen und Ausschmückungen (vgl. den in den slav. Recensionen des TJ vorkommenden Passus ואוסיף קצת כי לליצבותא שרי בו להרחיב הדיבור, angeführt S. 11, Z. 4 und 5). Der Versuch des Verf., in TJ alte, aber verschüttete Quellen der Lebensgeschichte Jesu wiederaufgraben zu wollen, scheint mir völlig missglückt. Bischoff (in seiner Anm. zu S. 154) und Strack haben Recht, dass sie den Standpunkt des Verf. nicht teilen, wonach ״das jüdische Leben Jesu die evangelischen Thatsachen durchaus nicht verzerrt und entstellt, sondern nach bestem Willen und Können dieselben in dem Lichte darstellt, wie sie dem jüdischen . . Beobachter erscheinen•‘. - *Nur, meine ich, thut Bischoff dem TJ zu viel Ehre an, wenn er es als bewusste Satyre oder Ironie, als beabsichtigtes Pamphlet gegen den blinden Kirchenglauben hinstellt. Die darin enthaltenen gehässigen Schmähungen gegen die Person Jesu geben uns von dem Wollen und Können der Toldoth-Autoren keine hohe Meinung.. Wer hat dem Dr. Bischoff gesagt, dass ״noch heute gebildete Leute in Russland“ — wohlgemerkt in parodistischer, sarkastischer und satyrischer Absicht — ״ihre Art Toldoth“ schreiben, d. h. doch verfassen? Denn gegen das Abschreiben aus Interesse am Pikanten wird wohl Bischoff, der ein Tholdoth-Ms. sich zu schätzen weiss, nichts einzuwenden haben. Wer aber kann behaupten, dass jemals gelehrte Juden derartige Tholdoth geschrieben haben? Ueber .die Verfasser der verschiedenen Recensionen der TJ wissen wir nichts, absolut nichts. Das Buch TJ war nicht verbreitet, der Verfasser war zufrieden, wenn er in aller Stille oder im engsten Kreise seiner Yerbitterung über die christlichen Verfolger durch Beschimpfung des Stifters der christlichen Kirche Luft machte. Der nichts weniger als judenfreundliche aber ehrliche Wülfer erklärt (Ther. jud. p. 49), dass Manuscripte des T J fast unauffindbar seien, obwohl die Rabbinen sonst antichristliche Handschriften ohne Weiteres feilhalten, und dass die meisten Rabbinen ein TJ niemals gesehen und für alles Geld sich nicht die Gelegenheit haben schaffen können, dieses Büchlein zu lesen. Das Toldoth als eine ״Volkslektüre“ zu bezeichen, wie Vf. S. 11 es thut, scheint mir völlig aus der Luft gegriffen. Die mittelalterliche polemische Literatur zeigt keine Kenntniss des TJ, wohl aber scheint umgekehrt das. TJ in der Anführung und Anwendung christologischer Bibelstellen die mittelalterliche polemische Literatur gekannt und benutzt zu haben. Der Verf. selbst bemerkt S. 211, dass dieses Schweigen über das TJ bei der Wertschätzung dieses Werkes schwer zu seinen Ungunsten ins Gewicht fallt. Ja, so schwer, dass ich die Behauptung wage, das TJ sei nie ernst genommen worden. — Was Verf. S. 158—181 über das Verhältniss des TJ zu den kanonischen Evangelien und neutestamentlichen Apokryphen sagt, ist trotz des grossen Aufwandes an Gelehrsamkeit nicht im mindesten überzeugend, ja es scheint mir völlig unannehmbar. Das jüdische ״Leben Jesu“ ist nie und nimmermehr als ein Seitenstück zu den kanonischen Evangelien zu betrachten. — In dem weiteren Abschnitte S. 181—194 über das Verhältniss des TJ zum Talmud und Midrasch versucht der Verf. unter anderem S. 188 ff. zu zeigen, wie die Person der Königin Helena im TJ aus drei Personen, der Königin Salome, der Proselytin Helena von Adiabene und der byzantinischen Kaiserin-Mutter Helena zusammengeflossen ist. Aber