... Jahresbericht der Jüdischen Frauenvereinigung e.V. zu Frankfurt a.M.
- Journal
- ... Jahresbericht der Jüdischen Frauenvereinigung e.V. zu Frankfurt a.M.
- Volume
- 6.1913 (1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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8 die Erkenntnis sich immer mehr Bahn bricht, daß durch Beaufsichtigung und angemessene Beschäftigung der Volksschulkinder der Verwahrlosung, diesem Herd allen Lasters, vorgebeugt wird. Zur Beleuchtung der Wichtigkeit unserer Neueinrichtung lassen wir hier einen Passus aus dem Morgenblatt der „Frankfurter Zeitung" vom I.Jan. 1914 folgen: „. . . Unbeaufsichtigte Schulkinder treiben sich in der Regel in der nicht von der Schule beanspruchten Zeit auf der Straße umher und sind da Gefahren mancherlei Art ausgesetzt. Man denke nur an den Verkehr von Automobilen, Wagen, Fahrrädern, an den Straßenlärm und Straßenslanb, an Hitze und Kälte, an alle Unbilden der Witterung, denen sic schutzlos preisgegeben sind! Run hat man ja wohl behauptet, daß diese Kinder infolge der Anpassungsfähigkeit allen diesen Gefahren auszuweicken wissen, daß daher tatsächlich nicht viele von ihnen dauernden körperlichen Schaden durch Slraßcnunfälle erleiden. Aber bestehen bleibt doch unter allen Umstände» die schwere sittliche Gefährdung. Nach der bayrischen Füriorgestatistik stammen 80 bis 07 Prozent der Fürsorgezöglinge aus armen Familien, in denen die Kinder nicht beaufsichtigt werden! Nicht beaussichtigte Kinder sind es, die die Rekruten des jugendlichen Verbrechertums stellen. Unbeaufsichtigte Mädchen verfallen in der Großstadt sehr häufig der Prostitution. Und selbst wenn man von den körperlichen und sittlichen Gefahren absieht, die den Straßenkindern drohen, so bleibt doch immer noch genug, was unser Mitleid für sie wachruft. Wie arm sind diese Bedauernswerten an echtem Jugendglück und rechter Lebensfreude! Wo -bleiben bei ihnen Heimat- und Familiengefühl? Wo solle» sie ihre Schulaufgaben anfertigen? Wo einmal ei» Buch lesen, was sie fast alle gern tun? Was für Menschen müssen sie später werden? Menschenpflicht ist es daher, diesen Armen za helfen, sie dem drohenden Verderben zu entreißen. Jugendpflege ist in unseren Tagen eine Sache, die einen guten Klang hat und viele willige Herzen, Hände und — offene Geldbeutel findet. Das ist gewiß schön und gut. Aber in erster Linie sollte alle Jugendpflege sich der gefährdeten Kinder annehmen und sie vor dem Untergang zu bewahren suchen. Die bis jetzt vorhandenen Kinderhorte reichen für die unbeaufsichtigte Schuljugend bei weitem nicht ans. Ans Berlin wurde mitgeteilt, daß von 14000 nnbeanfsichtigten Schulkindern nur 4000 in Horten untergcbracht sind. In anderen Großstädten, 'owie in Fabrikortcn liegen die Verhältnisse zweifellos ebenso. Es müßten also noch sehr viel Horte gegründet werden, aber dazu fehlt es am Nötigsten, an Geld. Um dieser Not abzuhelfen, kam man in verschiedenen Städten auf den Gedanken, nach dem Nachmittagsunterricht im Winter einige Klassenräume zu öffnen und die unbeaufsichtigten Kinder darin unterzubringen. Diese Einrichtung sollte überall getroffen werden, wo es an Kinderhorten mangelt und die Einrichtung neuer noch nicht möglich ist." Unser Mädchenhort ist in zwei Räumen der Israelitischen Volksschule in der Bärenstraße untergebracht. Zur Leiterin wurde eine geprüfte, erfahrene Kindergärtnerin gewählt; ihr stehen täglich mehrere freiwillige Helferinnen zur Seite. Vor allem werden die den Hort