Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1903
- Issue
- Die Thätigkeit der antisemitischen Abgeordneten in den deutschen Parlamenten der Sitzungszeit 1900/1902.
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 9)
- Language
- German
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44 Als Freunde der Landwirtschaft zeigten sich die antisemitischen Abgeordneten besonders in ihren Reden zum Zolltarif und Reichshaushalt, so Dr. Vogel am 5. Dezember 1901, Werner am 13. Dezember 1900 und 13. Januar 1902 und von Liebermann am 10. Januar 1902 und 6. Februar 1902. Sie legten etwa folgendes dar: Der Ausspruch des früheren Reichskanzlers v. Caprivi „Deutschland muß ein Industriestaat werden" muß von jedem verständigen Politiker als verkehrt angesehen werden. -Denn erstens ist es eine starke Ungerechtigkeit, grundsätzlich die Entwicklung des Landes nach der einen Seite der Industrie hin zu befördern, da dann zugleich die anderen Stände zu deren Ungunsten vernachlässigt werden müssen. Zweitens aber ist die Industrie 9), die ihren Sitz notwendigerweise fast nur in den Städten hat, auch garnicht imstande, aus eigener Kraft fortdauernd zu bestehen. Zum größten und wichtigsten Teile ist sie darauf angewiesen, im Jnlande ein Absatzgebiet zu behalten; der Absatz nach dem Auslande ist wegen des starken Wettbewerbs auf dem Weltmärkte weder sicher noch auch immer Lohnend genug. Deshalb liegt es auch im Interesse der Industrie, daß der große Kundenkreis der deutschen Landwirte kaufkräftig erhalten wird. Ferner ist es eine durch Erfahrung bestätigte Wahrheit, daß der Industrie nur dadurch die erforderliche Arbeiterzahl ständig zur Verfügung bleibt, daß die städtische Arbeiterschaft immer wieder durch den Zuzug vom Lande ergänzt wird.io) Die Landwirtschaft hat aber auch noch aus anderen Gründen die Berechtigung, die Fürsorge des Staates auch für sich zu verlangen. Denn sie ist noch immer der Stand, der am zahlreichsten ist. Auf ihm beruht auch am meisten die Stärke und Sicherheit des Landes für den Fall eines Krieges. Denn wie er zweifellos die zahlreichsten und kriegstüchtigsten Soldaten stellt, so bietet sein Bestehen nach Ausbruch des Krieges für alle Fälle die Gewähr dafür, daß die nötigen Lebensmittel an Getreide, Brot usw. vorhanden bleiben. Was nun die vom Staate zu gewährende Fürsorge anbetrifft, so hat diese vor allem darin zu bestehen, daß ein hinreichender Schutzzoll festgelegt wird, der es der deutschen Landwirtschaft ermöglicht, mit ihren Erzeugnissen im Lande selbst den Wettbewerb mit der billigen ausländischen Einfuhr auszuhalten. Die Behauptung der für Freihandel eintretenden Parteien, daß ein derartiger Schutzzoll die Lebensmittel, besonders Brot („Brotwucher"!), verteuern müsse, ist unrichtig. Der einfachste Beweis hierfür liegt schon darin, daß das Brot damals nicht teurer geworden ist, als Bismarck an Stelle des Freihandels das Schutzzollsystem einführte. Von der Unrichtigkeit der Behauptungen über den „Brotwucher" kann sich aber ferner auch jeder ohne weiteres überzeugen, der nur bedenkt, daß die Brotpreise unter den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen thatsächlich überhaupt garnicht von den Preisen abhängen, die der Landwirt für das Getreide fordert und erhält. Nicht unmittelbar durch ihn, sondern erst durch die Hände des Zwischenhändlers gelangt das Getreide (ungemahlen oder gemahlen) an den Bäcker. Deshalb bestimmt auch der Zwischenhändler in Wirklichkeit die Preise, die der Bäcker dafür zahlen muß. Infolge der Spekulation im Zwischenhandel — die natürlich umso stärker ist, je ge- 9) Deren Aufblühen beruht außerdem natürlich auch noch darauf, daß hinreichende Bodenschätze, geeignete Transportwege usw. vorhanden sind. iv) Abg. Dr. Vogel wies besonders auch auf die wissenschaftlichen Untersuchungen des badischen Gelehrten Professor Dr. Ammon hin, aus denen sich ergiebt, daß die Einwohnerzahl der Großstädte immer mehr abnehmen würde, wenn der ländliche Zuzug aufhörte.