Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1903
- Issue
- Die Thätigkeit der antisemitischen Abgeordneten in den deutschen Parlamenten der Sitzungszeit 1900/1902.
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 42 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9038025-9038029-423333--548-185509- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
42 Richterstellen nehme immer mehr zu, besonders auch in Preußen. Noch weit mehr aber könne ein Anwachsen des Judentums im Stande der Rechtsanwälte beobachtet werden. So seien z. B. in Berlin unter etwa 860 Rechtsanwälten fast 660 Juden (ohne die getauften), während es nach dem Prozentsätze der Juden in der Bevölkerung nur etwa 1l sein dürften. Der Grund dafür liege auf der Hand. Die oft gehörte Ansicht, die Juden seien gezwungen, bestimmte Berufe zu ergreifen, weil ihnen die anderen verschlossen würden, sei durchaus unrichtig. Denn es ständen ihnen ja seit über 30 Jahren in allen deutschen Staaten (in vielen davon seit viel längerer Zeit schon) gesetzlich alle Berufe offen. Dennoch aber sei Wohl auch seitdem kaum jemals ein Jude als Straßenkehrer, Steinbruchsarbeiter oder in ähnlicher Stellung thätig gewesen, die viel körperliche Anstrengung, aber nur geringen Verdienst mit sich bringe. Vorher wie nachher sei stets das Streben der Juden darauf gerichtet gewesen, einen Beruf zu ergreifen, der ihnen nach ihrer Meinung die Möglichkeit bot, möglichst viel Geld zu verdienen. Deshalb wendeten sie sich jetzt auch mit Vorliebe der Rechtsanwaltschaft zu. Naturgemäß leide darunter die deutsche Rechtspflege erheblich, wie es sich bei der Prozeßführung durch jüdische Rechtsanwälte oft genug gezeigt habe. Zwei große Strafprozesse, in denen Juden beteiligt waren, wurden zu wiederholten Malen erörtert. Abgeordneter Bindewald wies am 5. Februar 1901 auf die beispiellose Frechheit hin, mit welcher der jüdische Millionär SLernberg in Berlin, der wegen Sittlichkeitsverbrechen an Kindern angeklagt war, es mit Hilfe einer ganzen Truppe von erkauften Helfershelfern gewagt hatte, nicht nur die Belastungszeugen zu beeinfluffen, sondern sogar Polizeibeamte zu bestechen, deren Pflicht es war, die Verfolgung gegen ihn zu leiten. Der Konitzer Mord an dem Schulknaben Winter wurde von den Abgeordneten Bindewald, von Liebermann und Werner im Reichstage und preußischen Landtage besprochen. Als Grund davon, daß der Mord bis jetzt noch nicht aufgeklärt ist, wurde auch der Umstand gekennzeichnet, daß Konitzer Behörden zu Beginn der Untersuchung grundsätzlich es einfach für unmöglich erklärt hätten, daß ein durch jüdischen Aberglauben veranlaßter Blutmord vorliege. Und dies sei geschehen, trotzdem auch in den letzten Jahrzehnten bereits eine ganze Anzahl von Fällen bekannt geworden seien, in denen Ermordungen von Kindern unter gleichartigen Umständen stattgefunden hätten (Tisza- Eßlar, Skurz, Xanten, Polna), und trotzdem sogar in Könitz nach dem Gutachten der Gerichtsärzte der Mord durch denselben Halsschnitt ausgesührt worden sei wie in dem Skurzer Falles) Die Haltung der Antisemiten zur Kolonialfrage legten die Abgeordneten Bindewald und Werner am 5. März 1902 dar. Sie gingen davon aus, daß die Stellung des Deutschen Reiches als Weltmacht ihm die Pflicht auferlege, Kolonien zu 7) Abgeordneter von Liebermann erinnerte bei dieser Gelegenheit an einen bemerkenswerten Vorfall, der sich im Jahre 1900 im österreichischen Parlament (Reichsrat) zutrug. Ein antisemitischer Abgeordneter erwähnte dort in einer Rede, daß der ungarische Ministerpräsident Graf Andrassy selbst zugegeben habe, daß der Mord in Tisza-Eßlar (Ungarn) ein jüdischer Blutmord gewesen sei. Ein jüdischer Abgeordneter, der offenbar im Interesse des Judentums handeln wollte, fiel hierauf dem Redner sofort ins Wort mit der Frage, zu wem denn Andrassy dies gesagt habe. Darauf örhob sich der Abgeordnete Prinz Liechtenstein und gab vor dem ganzen Hause die bestimmte Erklärung ab, ihm selbst habe Andrassy mitgeteilt: „Die Juden hätten zwar das Kind durch einen Blutmord getötet; aber dies habe nicht bekannt werden dürfen, denn sonst würden am nächsten Tage alle Juden in Ungarn totgeschlagen werden!"