Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1903
- Issue
- Ein Musterprozeß vom Ende des 19. Jahrhunderts.
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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23 Hiernach besteht kein Zweifel, datz die ganze unverfrorene Art der Verteidigung von Sternberg selbst eingegeben worden ist. Wir haben darüber, wie er die Juristen belehrte, ja auch Fritz Friedmanns Zeugnis. Wiederholt hat Sternberg im Laufe des Prozesses mit seiner Freigebigkeit und Wohlthätigkeit geprahlt. So hat er, um nur ein Beispiel anzuführen, im Falle Hüllessem ausgesagt: „Herr von Hüllessem ist mir seit Jahren bekannt und verkehrt seit Langer Zeit als Freund in meinem Hause. Als solchem habe ich ihm stets gern aus der Verlegenheit geholfen, wenn er pekuniärer Hilfe bedurfte." Auch in den Aussagen von Sternbergs Freunden spiegelt sich die Prahlerei mit seiner Freigebigkeit wieder. In Wahrheit aber haben die Verhandlungen ihn oft als schmutzigen Geizhals bloßgestellt. So beklagte sich die Zeugin Pfeffer, seine ehemalige Geliebte, daß er sie ruiniert und dann ihrem Schicksal überlassen, ja mit Füßen getreten und im Hunger und Elend gelassen habe. Er hätte sie auch zur Kuppelei anhalten und veranlassen wollen, ihm kleine Mädchen zuzuführen. Echt jüdisch antwortete Sternberg darauf, daß sie, nachdem sie von ihm gegangen wäre, in der Charlottenstraße ein Absteigequartier gehalten und selbst Prostitution getrieben hätte. Als sich bald darauf Sternberg wieder einmal auf seine Freigebigkeit berief, antwortete ihm der Vorsitzende: „Ihre Freigebigkeit beweist am besten der Fall Pfeffer." — Nachdem die Miller' glücklich nach Amerika abgeschoben war, überließ er sie dort ihrem Schicksal und sie mußte fortgesetzt durch ihre Schwester Klara kleine Unterstützungen von Sternberg erbetteln lassen. Ueber die Arbeiterverhältniffe in den Sternberg gehörenden Saskaer Werken wurde Ende November berichtet, daß die Arbeiter in der Grube 7—8 Mark Wochenlohn, die Handwerker 18 — 20 Pfennige SLundenlohn erhielten. Als keine freien Arbeiter mehr anbiffen, wurden Arbeitshäusler genommen, die man aber auch bald zu teuer fand. Als die Arbeiter an „die Bank in Berlin" zu Händen Sternbergs schrieben, wurde die Gendarmerie in Bewegung gebracht, „um die unverschämten und aufständischen Arbeiter zu bändigen", und es wurden Entlassungen ungeordnet („Staatsb. Ztg." vom 20. November 1900). Nach diesen Grundsätzen verfuhr nun die Sternberg-Partei auch ihren Agenten gegenüber: Es wurden ja gewiß große Summen ausgegeben, um Sternberg zu retten, viel größere aber wurden versprochen und — nicht bezahlt. Die große Kunst bestand eben darin, ungeheure Hoffnungen auf einen wahren Goldregen zu erwecken, der sich nach Sternbergs Freisprechung über seine Freunde ergießen sollte. Damit lockte man immer neue „Freunde" an. So bekundete die Callis; „So ist es mir auch gegangen; ich habe gedacht, daß ich vielleicht recht viel Geld bekomme, wenn ich nicht schlecht aussage, und da habe ich denn zu Gunsten des Angeklagten ausgesagt." Und sehr bezeichnend ist, daß Thiel, befragt, ob Luppa ihm einen nervösen Eindruck gemacht hätte, sagte: Nur insofern, als „er vieles, was er mir versprach, nicht hielt". Auch daran, daß Stierstädter die von Luppa gemachten großen Versprechungen nicht gehalten werden würden, hat Thiel nach seinen eigenen Erfahrungen nicht gezweifelt. Auf Sternbergs Unersättlichkeit bei Befriedigung seiner abnormen geschlecht. lichen Neigungen ist schon im Urteil hingewiesen: 30 bis 50 Kinder mußten ihm in einem halben Jahre zugeführt werden. Er scheint in den Kreisen der Dirnen eine gewisse Berühmtheit genossen zu haben, denn solche, die ihn gar nicht kannten, fchrieben ihm Briefe, luden ihm zum teto-ü-tote ein, und er kam auch. Die Fischer mußte bei der Kupplerin Stein noch ein zweites Zimmer für seine Vergnügungen mieten und nach Schluß des Prozesses ist eine weitere Kupplerin, Frau Rüwe, er-