Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1903
- Issue
- Ein Musterprozeß vom Ende des 19. Jahrhunderts.
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Während der Verhandlungen benahm sich Sternberg unglaublich frech. Aus der Zeugin Miller suchte er entlastende Aussagen herauszupressen, was ihm wiederholt Zurückweisungen von ihr eintrug. So wollte er sich von ihr bestätigen lassen, daß er die Malerannoncen und den Aufenthalt der Fournaeon bei ihr nicht veranlaßt hätte. Beide Male wurde er schroff zurückgewiesen. Aufs Unverfrorenste verdächtigte er fort und fort die Polizei der Zeugenbeeinflussung und die Beamten, daß sie feindliche Artikel gegen ihn in die Presse brächten. Das trug ihm wiederholt Zusammenstöße mit dem Staatsanwalt und dem Vorsitzenden ein. Ich will hier nur ein Beispiel anführen: Als der Vorsitzende sich wieder einmal vergeblich, aber mit großer Ausdauer bemühte, aus der Woyda die Wahrheit herauszubekommen, beschwert sich Sternberg, daß jedes ihrer Worte sofort als Lüge hingestellt werde, und nun entwickelt sich folgende Szene: Angekl.: Frieda Woyda ist früher von allen Seiten auf das liebevollste behandelt worden von Herrn Stierstädter, von Schindlers, vom Staatsanwalt Or. Romen, sie ist auch im vorigen Termin liebevoll behandelt und fast gehätschelt worden, damals ist nicht jedes ihrer Worte sofort als Lüge hingestellt. . . Vors, (unterbrechend): Es ist mir gar nicht eingefallen, jedes Wort als Lüge hinzustellen, ich nehme dieses Wort überhaupt nur im äußersten Notfall in den Mund! — Angekl.: Es kam mir so vor . . . — Vors, strregt): Ich muß mir eine solcheUnterstellungganz entschieden verbitten; das ist doch geradezu unerhört, das ist ja eine In dieser und vielen ähnlichen Szenen trat der Trotz des protzigen Parvenüs grell zu Tage: Das jüdisch-großkapitalistische Raubtier hat jahrzehntelang aller Gebote derselben Gesellschaft, in deren Mitte er als „hochangesehener Mitbürger" lebt, gespottet. Mit List hat es sich zwischen ihnen hindurchgewunden oder ihrer Wirksamkeit mit der brutalen Macht des Goldes für seine Person Grenzen gesetzt, so lange, daß es sich endlich im Besitze eines Rechtes zu diesem zerstörenden Treiben wähnt. Und da sie sich endlich im selbstgesponnenen Netze unrettbar gefangen sieht, schäumt die jeder Selbstbeherrschung und Unterordnung längst entwöhnte Bestie vor Wut auf. daß auch ein anderer, daß die Gesellschaft auch einmal Rechte geltend macht *)! Unverschämtheit! — Angekl.: Ich möchte doch ... — Vors.: Jetzt kein Wort weiter! Ich will nichts mehr wissen! Ich habe hier zehn- bis zwölfmal die Frieda Woyda vorgerufen und sie in der liebevollsten, väterlichen Weise ermahnt, wie ja auch allgemein anerkannt ist und nun, nachdem wir uns wochenlang herumquälen, um die Wahrheit zu ermitteln, kommt der Angeklagte mit solchem Vorwurf! Ich muß dagegen aufs entschiedenste protestieren! Das ist unerhört! — Angekl.: Herr Vorsitzender ... — Vors.: Die Sache ist abgethan. („Staatsb. Ztg.", 13. 12. 1900.) *) Auch nach feiner Verurteilung und Ueberführung ins Zuchthaus verlor Sternberg so wenig sein Selbstvertrauen, wie seine Freunde ihre Betriebsamkeit; fortgesetzt berichteten die Zeitungen über den interessanten Mann. Gleich nach seinem Eintritt ins Zuchthaus stellte er das Gesuch, seinen Mitgefangenen Unterricht erteilen zu dürfen (worin wohl?!). Seit Februar 1902 braucht er eines Augenleidens wegen nicht mehr zu arbeiten, erhält als Revierkranker bessere Kost, darf ein Börsenorgan lesen (schadet hoffentlich den Augen nichts), und bei Ausfahrten zur Wahrnehmung von Terminen statt der Anstaltskleidung seinen Zivilanzug tragen. — Die Bemühungen, seine Begnadigung durchzusetzen, dauerten fort. Zwar der übliche Hintertreppenweg war durch den Fall Platho (S. 11) verrammelt. Dafür hängte man der Sache jetzt ein modisches soziales Mäntelchen um: Sternbergs Arbeiter mußten (beispielsweise in der Pichelsdorfer Brauerei, den Saskaer Kohlenwerken, den Brikettfabriken bei Wittichenau) ein Gnadengesuch sür ihren hochverehrten und geliebten Chef unterzeichnen. Mit welcher Wonne sie der Aufforderung nachkamen, wird man nach dem bemessen können, was gleich über die Behandlung der Saskaer Arbeiter berichtet werden wird. Das Gesuch wurde zu Kaisers Geburtstag 1902 eingereicht und — abgelehnt.