Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1903
- Issue
- Ein Musterprozeß vom Ende des 19. Jahrhunderts.
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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18 Hausmann, um die Callis auszuforschen. Diese erkennt aber Thiel als den Mann wieder, den sie bei Herrn v. Tresckow gesehen und der sich dort Notizen gemacht hat. Sie fragt: „Sie sind Wohl Kriminal? Sie haben Wohl die Polizei-Akten gestohlen oder auf dem Präsidium gehorcht?" Thiel bittet sie, ihn nicht zu verratem er habe drei Kinder. Sie erfüllt die Bitte, und als man sie auf dem Polizeipräsidium, wo es ruchbar geworden war, daß ein Beamter pflichtwidrig mit ihr zusammengekommen sei, allen in Betracht kommenden Beamten, auch Thiel gegenüberstellt, leugnet sie die Bekanntschaft mit ihm ab. Auch hat sie die Hausmann gebeten, Thiel nicht zu verraten. Nachdem Luppa in Erfahrung gebracht hat, daß Thiel Kriminal-Kommiffav sei, droht er zuerst mit dem Staatsanwalt (das hat er den Juden wieder sehr gut abgesehn) und bringt so den Kommissar in vollkommene Abhängigkeit von sich. Nun muß Thiel für die Sternberg-Partei Erkundigungen auf dem Einwohner-^ Meldeamt machen, Auszüge aus den Personalakten der Registratur fertigen und die Kollegen über neu auftauchenden Verdacht gegen Sternberg aushorchen. Was Stierstädter über die Bestechungsversuche ausgesagt hat, erkennt Thiel als. wahr an. Sie hätten sich zu Anfang des Monats September abgespielt. Uebrigens behauptet Thiel, daß Luppa noch viel bessere Quellen gehabt haben müsse, weil er wiederholt über die Thatsachen, die Thiel berichtet hätte, schon anderweitig und ausführlicher unterrichtet gewesen sei. Es wurde angenommen, daß. Luppa auch einen Subalterndeamten bei der Staatsanwaltschaft bestochen habe, und der Schuldige sollte auch bereits ermittelt und verhaftet sein. Da es aber zu einer entsprechenden Gerichtsverhandlung nicht gekommen ist, so dürften das unbegründete Gerüchte gewesen sein. Kriminal-Direktor v. Hüllessem machte über seine Beziehungen zu. Sternberg folgende Angaben: Er Verkehre mit ihm seit 13 Jahren: der Verkehr sei dadurch angebahnt worben, daß Sternbergs „äußerst charmante Frau" die Tochterr eines Obersten sei, den v. Hüllessem gekannt hätte. Nachdem seit 1893 Strafanzeigen gegen Sternberg Vorgelegen hätten, sei der Verkehr abgebrochen und erst 1896 wieder ausgenommen worden, v. Hüllessem giebt zu, einen Vorschuß auf sein Grundstück in Binz und auch eine Hypothek darauf von Sternberg oder wenigstens durch Sternbergs Vermittelung erhalten zu haben. Zur Einrichtung der Villa hat Sternberg ihm ein paar Bettstellen, einen Schrank und einen Tisch überlassen. Befragt, ob er sonst noch Geschenke von Sternberg erhalten hätte, antwortet er: „Nein, ich habe nicht einmal zu meinem 25 jährigen Jubiläum irgend etwas von Herrn Sternberg erhalten". Das klingt fast so, als ob er ein Geschenk erwartet hätte. v. Hüllessem hat dadurch in die Ermittelungen eingegriffen, daß er Stierstädter aus dem Dezernat Tresckows fortversetzte und dadurch für die Sternberg-Sache lahmlegte. Als Stierstädter auf Befehl des Staatsanwalts Romen noch weitere Ermittelungen bei Blümke machte, erhielt er dafür von v. Hüllessem einen Verweis- Nach seinen eigenen Angaben hat v. Hüllessem auch die Absicht gehabt, Herrn v. Tresckow die Sternberg-Sache abzunehmen. Er hat verhindert, daß Sternberg fürs Verbrecheralbum photographiert wurde. Einen anonymen Brief, der Mitteilungen über angebliche Eigenmächtigkeiten Stierstädters enthielt, hat v. Hüllessem. vernichtet. Regierungsrat Diterici sagt aus, er hätte selbstverständlich, wenn er v. Hüllessems Beziehungen zu Sternberg gekannt hätte, den Direktor „ausgeschaltet oder ihm verboten, Verfügungen in der Sternberg-Sache zu erlassen." Merkwürdigerweise fanderr sich in Berlin Zeitungen, die diese Aussage in ihr Gegenteil verdrehten.