Mannheim
Compact Memory

Antisemitisches Jahrbuch für ... · 1903-01-01 · Ein Musterprozeß vom Ende des 19. Jahrhunderts. · p. Seite 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Antisemitisches Jahrbuch für ...
Volume
1903
Issue
Ein Musterprozeß vom Ende des 19. Jahrhunderts.
Date
1903-01-01
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9038025-9038029-423330--516-185480
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

13 spiele. Er verbreitete jene märchenhaften Vorstellungen von dem Goldregen, der sich nach Sternbergs Freisprechung über seine „Freunde" ergießen würde, durch die zweifelhafte Existenzen aller Art angelockt wurden, wie die Motte vom Licht: Von allen Seiten strömten sie herzu, um dem armen, unschuldigen Sternberg zu helfen. Luppa gab die Losung von dem gegen Sternberg geschmiedeten Komplott aus, das Schlagwort von dem festen Glauben an seine „Unschuld" und die Weisung, daß man die Zeugen um jeden Preis bewegen müsse, „die Wahrheit zu sagen". Sehr treffend kennzeichnete der Vorsitzende am 26. November diese Redensart, als er dem Agenten Wolff, der sich auf seinen und Luppas Glauben an Sternbergs Unschuld berief, antwortete: „Luppa scheint so fest von der Unschuld überzeugt zu sein, daß er uns schnöde verlassen hat." — Luppa bestach endlich Beamte, um genau über den Gang der Untersuchung auf dem Laufenden zu bleiben. Zur Zeit des ersten Sternberg- Prozesses wurde er unter dem Verdacht der Begünstigung vorübergehend verhaftet, im zweiten Sternberg-Prozeß war er mitangeklagt, aber auf freiem Fuße. Am 16. November wurde durch die Zeugin Hausmann bekundet, daß Luppa mit dem bestochenen Kriminal-Kommissar Thiel und einem andern Herrn (Münchhausen) bei ihr gewesen sei, um die Callis auszuhorchen. Luppa erklärte zwar sofort, er habe Thiel vor Gericht zum erstenmal gesehen, erkannte aber mit scharfem Blick, daß durch die Aussage der Hausmann der entscheidende Wendepunkt im Prozeß herbeigeführt sei, und erschien am 18. November nicht mehr vor Gericht. Seine Dienerschaft sagte, daß er „mit seiner Frau ausgegangen sei". Am 29. November legte Rechtsanwalt Fuchs I dem Gerichtshof ein Schreiben Luppas aus London vor, in dem er erklärte, er habe absolutes Ruhebedürfnis gehabt und sei, „ohne zu wissen, wohin er wolle", abgereist. Er schickte zugleich das Zeugnis des Oberarztes des deutschen Hospitals in London ein, daß ihm jede Aufregung strengstens verboten werden müsse. Der Staatsanwalt stellte sofort fest, daß Luppa erst von dem Augenblick an nervös geworden sei, wo Thiels Name genannt worden wäre. — Wir haben es in Luppa mit einem von jenen Ariern zu thun, die ihr Jüdisch gut gelernt haben, d. h. durch andauernden Verkehr mit Juden dahin gekommen sind, jüdische Eigenschaften mit einiger Geschicklichkeit nachzuahmen: Das zeigt sich in dem rechtzeitigen Auftreten der Nervosität und in der Kunst, sich Mitschuldige zu machen, von der wir noch zu sprechen haben werden. Es zeigt sich auch darin, daß er „ohne zu wissen, wohin er wolle", just nach England verduftete, das nicht ausliefert. Dieser Luppa nun ging im Bureau des Rechtsanwalts Werthauer, des einen von Sternbergs drei Verteidigern, aus und ein, er verhandelte dort mit den Personen, die in dem Sternberg-Prozeß zu thun hatten, er leistete dort wohl auch, wie von dem Zeugen Wohl bekundet und von Werthauers Bureau-Vorsteher als möglich zugegeben wurde, Zahlungen. Es war jenes schöne Verhältnis zwischen Luppa und Werthauer, bei dem die Rechte nicht wußte, was die Linke that. Von Werthauers Bureau aus wurden Aufträge an die durch Luppa angeworbenen Detektivs gegeben; ihre Berichte wurden dort entgegengenommen, Am Weisungen zu Geldzahlungen auf Luppa gegeben. So erhielt beispielsweise der Direktor Schultze seinen Auftrag, die Polizei im allgemeinen und Stierstädter insbesondere zu beobachten, aus dem Werthauerschen Bureau, und etwa 6000 Mk. Honorare sind ihm durch Werthauer angewiesen worden. Zweifellos sind diese Gelder mit zu Zeugenbeeinstuffungen verwendet worden. Werthauer sucht den Auftrag zur Beobachtung der Polizei dadurch zu rechtfertigen, daß er sich auf „die Annahme" beruft, daß durch Polizeiagenten die Zeugen beeinflußt würden. Diese

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.