Mannheim
Compact Memory

Antisemitisches Jahrbuch für ... · 1903-01-01 · Ein Musterprozeß vom Ende des 19. Jahrhunderts. · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Antisemitisches Jahrbuch für ...
Volume
1903
Issue
Ein Musterprozeß vom Ende des 19. Jahrhunderts.
Date
1903-01-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9038025-9038029-423330--512-185476
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

9 Die Frage, ob jemand, der in so einseitiger Weise Stimmung zu machen sucht, der so tendenziös im voraus ganze Kategorien von Zeugen verwirft, befähigt ist, ein unbefangenes Sachverständigenurteil abzugeben, verdiente doch wohl an entscheidender Stelle reiflich erwogen zu werden. — Nach Veröffentlichung dieses Artikels ist festgestellt worden, daß Prof. Eulenburg jüdischer Abstammung sei: Er selbst bezeichnet sich als evangelisch, seine Mutter ist eine geborene Saling und sein Vater war Jude. 3. Die Agenten der Sternberg-Partei. Ein großer Teil der Verhandlungen war der Beweisaufnahme darüber gewidmet, auf welche Weise und durch wen die Zeuginnen beeinflußt worden sind. Es ergab sich, daß ein ganzes Heer vou Agenten durch die Sternberg-Partei in Bewegung gesetzt worden ist. Sie wurden^ so weit man ihrer habhaft werden konnte, als Zeugen vernommen. Der Direktor Schultze, Inhaber eines Detektiv-Bureaus, hat für seine Bemühungen 6000 Mark erhalten; für den Fall des Erfolges war ihm ein Extrahonorar von 50 000 Mark zugefichert. Vor längerer Zeit ist er schon wegen Fluchtbegünstigung zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt; in 2 Ehescheidungsprozessen hat er, um die Scheidung zustande zu bringen, sich selbst an die Ehefrau herangemacht und sich in kritischer Situation von seinen eigenen Detektivs beobachten lassen, um so den bei ihm bestellten Grund für die Ehescheidung zu beschaffen. Und diesen Mann betrieb sein Geschäft unter der als Reklame zur Schau getragenen Devise: „Für Recht und Wahrheit." Während des ersten Teils der Verhandlung hatte er mit den Zeuginnen Zusammenkünfte in den dem Gerichtsgebäude benachbarten Restaurants. Ob er sie dabei freigehalten hat, „weiß er nicht". Seine Agenten machten die Korridore des Gerichtsgebäudes unsicher; sie überwachten aus Veranlassung der Verteidigung sogar die Thätigkeit der Polizei. Hiernach erscheint es nicht unwahrscheinlich, daß auch die zeugeneidlich erwiesenen Erkundigungen nach den Privatverhültnissen des Staatsanwalts Dr. Romen, der die Anklagebehörde im ersten Prozeß vertrat, von dieseo Seite ausgegangen sein dürften. Schultze machte auch den Versuch, während der Verhandlungen die unbequeme Zeugin Hausmann ins Ausland abzuschieben. Sie solle 500 Mark dafür erhalten; ein andres Mal soll er ihr sogar 20 000 Mark geboten haben. Ein vielgenannter Agent war der „Kapitän Wilson", der erst im Juli 1901 in der Person eines Agenten Kühne unmittelbar nach seiner Rückkehr aus dem Auslande ermittelt und festgenommen wurde. Am 29. November wurde er wegen Verleitung zum Meineide zu 21]2 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust verurteilt und starb bald darauf. Der Zeuge Ho ffm eier ist im Sternbergschen Interesse Lhätig gewesen, um die Blümkeschen Eheleute, bei denen die Woyda in Pflege war, auszuhorchen und zu beeinflussen. Er giebt zu, gesagt zu haben: „Wenn Blümke nur alles sagen wollte^ was ich wissen will, so könnte Blümke sofort 10000 Mark verdienen und ich 30000", erklärt das aber für einen Scherz. Er setzt seinerseits wieder den Zeugen Kahn und dessen Frau in Bewegung, die die Woyda in ihre Wohnung locken sollen, damit dort auf sie eingewirkt werden könne. Der Zeuge Möhring, von Hause aus Tischler, dann nach absolviertem Studium von 1889—97 Amtsrichter und nach seiner Entlassung aus disziplinarischen Gründen jetzt Rechtsanwalt, giebt zu. der Zeugin Hausmann geraten zu haben, sie solle nach Holland gehen, er werde ihr dort eine Likör-Filiale einrichten. Er versucht auch, die Zeugin Frau Liebert in Bewegung zu setzen: Es wäre nötig, die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.