Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1903
- Issue
- Ein Musterprozeß vom Ende des 19. Jahrhunderts.
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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8 Man sieht, Friedmann ist auch jetzt immer noch seinen Berliner Kollegen über. Unbegreiflicherweise hat man inzwischen dies verkannte Genie und „gehetzte Edelwild" nun auch aus Belgien als lästigen Ausländer ausgewiesen, natürlich — ohne den mindesten Grund, wie er selbst versichert. Der medizinische Sachverständige Geheimrat Eulen bürg hatte kurz vor dem zweiten Sternberg-Prozetz dadurch von sich reden gemacht, daß er am 20. Oktober 1900 in der Wochenschrift „Die Nation", die vom Abgeordneten Barth herausgegeben wird, wenige Tage vor Beginn des Masloff-Prozesses <25. Oktober) in Könitz einen Artikel: „Retroaktive Suggestion und Halluzination bei Zeugen" veröffentlichte, der in recht unwissenschaftlicher und tendenziöser Weise, aber unter großem Aufwande von wissenschaftlicher Phraseologie den Versuch machte, die Zeugen, d'ie im Masloff-Prozeß auftreten würden, schon im Voraus .als halb unzurechnungsfähig, als von krankhaften Wahnvorstellungen befallen zu verdächtigen. Daß. ein namhafter Gelehrter, ein fortgesetzt vor unsern Gerichten thätiger Sachverständiger einen solchen Einmischungsversuch unternimmt, ist eine so bemerkenswerte Erscheinung, daß ich hier die entscheidendsten Stellen aus dem Eulenburg'schen Aufsatze folgen lasse: .Diese „Disposition" besteht eben darin, daß die einer solchen Beeinflussung unterzogenen Individuen in solchem Maße „suggestibel" sein müssen, daß für sie ihre eigenen und die von Anderen eingepflanzten Vorstellungen leicht mit Wirklichkeitsbildern verschmelzen, ihnen sogar ohne weitere Prüfung als wirklich erscheinen. Also ein Ueberwiegen der Phantasiethätigkeit bei ausgesprochenem Mangel an Kritik, ein ungehindertes Hineinragen der Phantasiewelt in die Welt des Realen! Wir finden diesen Zug mehr oder weniger stark entwickelt bei Naturvölkern, bei niedriger stehenden Raffen — aber auch bei den Angehörigen unserer Kulturstufe, bei den unkritisch veranlagten oder nicht zur Kritik erzogenen Gesellschaftsgliedern, bei Kindern, bei Frauen, und natürlich auch bei Männern, die überhaupt unerzogen, oder nicht zu besonnenem, nüchternen Denken veranlagt sind, oder bei denen in aufregenden Situationen und Gelegenheiten der geringe Reservevorrath verstandesmäßiger Urteilsfähigkeit bald völlig erschöpft ist, und die nun zum willenlosen Spielball der auf sie einstürmenden eigenen und Fremdsuggestionen herabsinken — mögen diese Fremdsuggestionen in der Gestalt so und so vieler männlicher und weiblicher Klatschbasen, oder der agitatorisch verhetzten „öffentlichen Meinung" und ihrer Organe, oder anwaltlicher Beredtsamkeit und des inquisitorischen Scharfsinns eines Untersuchungsrichters an sie herantreten. — . . . Es sei, um nicht in die Ferne zu schweifen, nur an die Verhandlungen des Xantener Knabenmords vor dem Schwurgericht zu Cleve (vom 4. bis 14. Juli 1892) erinnert — und an die vielfach analogen Dinge, die wir soeben bei den mit dem Konitzer Mord zusammenhängenden Prozessen gewissermaßen unter unseren Augen sich abrollen sehen. ... Es dürfte vielleicht kaum zn weit gegangen sein, wenn wir noch manche andere in diesem Prozesse abgegebene Zeugenaussagen, wie z. B. einen Teil derjenigen, die den Zeugen Moritz Levy des Meineides bezichtigen und zur vorläufigen Festnahme dieses Zeugen geführt haben, aus dem gleichen Gesichtswinkel betrachten. Jedenfalls erscheint, bei einer in solcher Weise kritisch zugespitzten Sachlage die äußerste Vorsicht und sorgfältigste kritische Abwägung aller schon abgegebenen und noch abzugebenden Zeugenaussagen dringend geboten — denn der Verdacht dürfte kaum abzuweisen sein, daß sich Könitz bereits zu einem überaus günstigen Nährboden für die Züchtung solcher „retroaktiven Halluzinationen" entwickelt hat und noch fort und fort weiter entwickelt. Die „Konsuln" — oder in diesem Falle die Prätoren! — mögen zusehen, daß dabei das öffentliche Wohl keinen Schaden erleide, und mögen zu diesem Zwecke auch den Beistand, den ihnen die fortschreitende wissenschaftliche Durchdringung dieses Grenzgebietes psychologischer und ärztlicher Forschung vielleicht leisten kann, nicht von der Hand weisen. („Die Nation" 20. 10. 00., S. 38 u. 39.)