Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1903
- Issue
- Ein Musterprozeß vom Ende des 19. Jahrhunderts.
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9038025-9038029-423330--508-185472- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
5 einem Restaurationslokal gewesen sei. Die Ehlert befand sich nämlich zur Zeit des Prozesses in einer Zwangserziehungs-Anstalt. Diese wenigen Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, wie die Belastungszenginnen vor der zweiten Verhandlung beeinflußt worden sein müssen, und wie die Beeinstnssungen sich in ihren Aussagen spiegelten. Daneben interessieren diese Figuren als soziale Typen: Die Margarethe Fischer als 24 jährige Kupplerin, bei ihrem Treiben unterstützt von einem 18 jährigen Dienstmädchen; die jugendlichen Zeuginnen noch Kinder, oder kaum den Kinderschuhen entwachsen, die mit Ausnahme der Wohda bereits erwerbsmäßige Unzucht treiben. Als ausgesprochenster Fall von Kinderprostitution ist der der 14jährigen Teichert anzusühren. Schon im Jahre 1899 war sie eine Prostituierte. Indessen auch sie behauptet, daß ihr alles von Stierstüdter eingeredet sei. Auf Veranlassung der Fischer hat sie dem Maler fälschlich zugegeben, daß sie über 14 Jahre alt sei. Und von solchen jugendlichen Dirnen sind der jugendlichen Kupplerin, die vielleicht eine ähnliche Vergangenheit hinter sich hatte, in einem halben Jahre nicht weniger wie 30—50 zugelaufen. Das ist die Frucht der sozialen Zustände in Berlin. Man vergegenwärtige sich nur, was sür einen Mangel an häuslicher Zucht es verrät, wenn die Kinder sich so umhertreiben, wenn sie bis auf diese Stufe sinken können. Und nicht genug damit: Es finden sich unter den Eltern dieser Dirnen im kindlichen Alter sogar solche, die aus dem Laster ihrer Kinder für sich Kapital zu schlagen suchen. Diese sittliche Verkommenheit ist eine unmittelbare Folge der materiellen Proletarisierung, von der breite Schichten in der Großstadt betroffen werden. Der Zusammenbruch all und jeden Ehrgefühls bei einem großen Teil der Bevölkerung ist die Folge der durch die Unsicherheit ihrer ganzen Existenz erzeugten Zweifel an der Rcchtsbeftändigkeit der herrschenden sittlichen Begriffe. Dieselben Familien könnten unter andern Lebensbedingungen dem Staate tüchtige und nützliche Bürger liefern. 2. Die medizinischen Sachverständigen. Der ganzen Verhandlung wohnten von Anfang bis zu Ende 4 Gerichtsärzte, die Herren Puppe, Stürmer, Moll und Eulenburg bei, um die Verläßlichkeit der einzelnen Zeuginnen zu begutachten. Aus dem, was oben von der Ehlert erzählt worden ist, ergiebt sich ja ohne weiteres, daß sie nicht besonders gescheit sein kann; man braucht kein Arzt zu sein, um das zu begreifen. Außerdem zeigte sie sich sehr unbändig und schlecht erzogen und trat gelegentlich selbst gegen den Vorsitzenden äußerst frech auf. Nach einer solchen Szene baten die Sachverständigen, ein Gutachten abgeben zu dürfen. Geheimrat Eulenburg erklärte: er zweifle nach dem Vorgefallenen nicht mehr, daß bei der Ehlert „ein typischer Fall jener Krankheit, die man früher moral insanity nannte und heute für angeborenen Schwachsinn hält" vorliege; die freie Willensbestimmung sei ausgeschlossen gewesen. Auch der Sachverständige Moll erklärt, daß er die Ehlert nicht für eidesfähig halte. Or. Puppe erkennt nur einen gewissen Schwachsinn an: Für die Ungebühr sei sie verantwortlich; die Bedeutung des Eides vermöge sie nicht zu erkennen. Or. Stürmer: Bei der Ungebühr sei sie nicht Herrin ihres Willens gewesen. Der Gerichtshof stellt fest, daß die Sachverständigen bei dem Auftritt selbst gar nicht zugegen gewesen sind. Die Anstaltsärzte (sie befindet sich in einer Erziehungsanstalt) haben nie einen Zweifel an ihrer geistigen Gesundheit gehabt. Rektor Brüning, bei dem sie in die Schule ging, hält sie für ein verdorbenes aber im Kopfe sehr klares Mädchen. Man kann nicht gerade sagen, daß die Gutachten der Herren Sachverständigen untereinander und mit den Wahrnehmungen, die andere Leute gemacht hatten, besonders gut übereinstimmten. Es scheint auch, daß die anwesenden Laien sich nicht