Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1903
- Issue
- Ein Musterprozeß vom Ende des 19. Jahrhunderts.
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 gefragt, ob sie über 14 Jahre alt seien, aber nur deshalb, weil sie geglaubt habe, daß es strafbar sei, „Kinder unter 14 Jahren zum Modellstehen zu verwenden". Die Zeugin Frieda Woyda, 13 Jahre alt, von der ja in dem Urteil ausführlich die Rede ist, hatte im ersten Prozesse unter ganz genauer Schilderung aller Einzelheiten ausgesagt, daß SLernberg unzüchtige Handlungen mit ihr vorgenommen hätte. Auf ihre Aussagen hin war er verurteilt worden. Das widerrief sie in der zweiten Verhandlung vollständig und behauptete, daß sie Sternberg nicht kenne, daß sie nichts mit ihm zu Lhun gehabt hätte. Ihre Aussagen im ersten Prozeß seien ihr mit allen Einzelheiten von dem Kriminalschutzmann Stierstädter eingeredet worden. Sie blieb während der ganzen Dauer der Verhandlungen, bei denen sie immer und immer wieder ins Kreuzverhör genommen und mit Zeuginnen konfrontiert wurde, denen sie ihre Aussagen im ersten Prozeß wiederholt hatte, dabei, daß sie alles von Stierstädter hätte und daß sie in der ersten Verhandlung non A bis Z die Unwahrheit gesprochen hätte. — Wer die vom Gerichtshof als erwiesen betrachteten Beeinflussungen der Woyda ausgeübt hat, konnte nicht festgestellt werden. Die Zeugin Callis, 16 Jahre alt, hat in der Voruntersuchung SLernberg als den Mann erkannt, dem sie durch die Fischer zugeführt worden sei, als den Maler aus Frankfurt a. O. Im Termin behauptet sie, daß sie zu dieser Aussage von ihrer Wirtin, der Frau Hausmann, angestistet worden wäre. Auch hätte sie nur nach der Photographie geurteilt und sehe jetzt, daß Sternberg der Mann nicht wäre. Befragt, ob sie bei der Hausmann etwa einmal von dem von der Sternberg-Partei bestochenen Kriminal-Kommissar Thiel ausgesucht worden wäre, verneint sie dies. Als aber Thiel im Laufe des Prozesses seiner Schuld überführt wird und sich zu ihr bekennt, als die Callis vom Untersuchungsrichter vereidigt wird, giebt sie zu, daß Thiel bei ihr gewesen sei, daß sie SLernberg kenne und etwa sechsmal bei der Fischer Verkehr mit ihm gehabt hätte. Sie sei von drei Agenten der Sternberg-Partei, von Wolfs, von der Staabs und der Saul beeinflußt worden, habe von ihnen etwa 170 Mark im ganzen erhalten. Sie hätten ihr versprochen, daß man sie nicht zum Schwur kommen lassen werde; eher würde man sie außer Landes bringen. Falsch schwören hätte sie nicht gewollt. Noch merkwürdiger verlies die Vernehmung der Zeugin Ehlert, die, 16 Jahre alt, bei der Fischer als „Modell" ein- und ausgegangen ist. Auch sie hat Sternberg in der Voruntersuchung nach dem Bilde wiedererkannt, behauptet jetzt aber, ihn nicht zu kennen. Gefragt, ob sie beeinflußt worden sei, giebt sie das ganz unbefangen zu: Die Agenten Ebstein (auch Silz genannt), Kapitän Wilson, auch andere hätten sich an sie herangemacht. Sie habe Geld, 10, ein ander Mal 20, wieder ein anderes Mal 15 Mark erhalten, auch habe man ihr gedroht, sie werde ins Zuchthaus kommen, wenn sie Sternberg belaste. Auch hätte sie Briefe erhalten, in denen gestanden hätte, was sie aussagen sollte. Nach diesen Angaben wurde es dem Staatsanwalt natürlich nicht schwer, sie endlich zu dem Geständnis zu bringen, daß Sternberg doch der Maler gewesen sei. Sie hätte anfangs die Wahrheit nicht gesagt, weil sie bedroht worden wäre. Man hätte sie auch angewiesen, auszusagen, der Maler hätte einen anderen Dialekt gesprochen. — Am 4. Dezember nahm die Ehlert aber diese Aussagen wiederum zurück; was sie zuletzt gesagt habe, sei nicht wahr, ihre erste Aussage sei wahr; sie kenne Sternberg nicht, habe nichts mit ihm zu thun gehabt. Stierstädter hätte ihr Geld versprochen, wenn sie Sternberg belastete. — Der Vorsitzende bemerkt dazu, daß die neue Sinnesänderung der Zeugin eingetreten sei, unmittelbar nachdem ein Hilfstransporteur mit ihr vorübergehend in