Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1901
- Issue
- Die nationalliberale Partei im Wahlkampfe.
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 208 (sequence 10)
- Language
- German
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208 Mandat zu bekommen, so hätte er auch feierlich die päpstliche Unfehlbarkeit anerkannt." Ja man beugt sich sogar noch soweit vor dem Centrum, daß man öffentlich seine Sünden abbittet. Denn als in Karlsruhe die Sozialdemokraten von den Nationalliberalen das Mandat eroberten, hielt der Generalfeldmarschall der badischen Liberalen und Kulturkämpfer, Herr Fieser, eine Rede, in der folgende Stelle vorkam (ebenda „Deutsche Volkswacht" vom 24. September 1898): „Ich darf in dieser Abschiedsstunde sagen: Hüten Sie sich, Ihren katholischen Mitbürgern gegenüber einen unheilbaren Riß zu. schaffen. Der Streit der Prinzipien muß kein persönlicher Streit sein. In Sachen der Gemeinde ist es nicht notwendig, daß die Verbindung mit den katholischen Mitbürgern durch die unglückseligen Vorkommnisse bei der Reichstagswahl für abgebrochen gelten. Brechen Sie die Brücken nicht ab! Bedenken Sie, daß Sie gemeinsam die Ihrer Stadt bevorstehende großartige Entwickelung zu vertreten haben. Man kann sich in politischen Dingen bekämpfen und doch auf dem Boden der Gemeinde zusammen arbeiten! Ich, der ich als Kulturkämpfer landauf, landab verschrieen bin, sage in dieser Abschiedsstunde: Brechen Sie die Verbindung mit Ihren katholischen Mitbürgern nicht ab, Sie werden dann Ihrer Stadt eine großartige Zukunft sichern! Mit dem puren Nationalliberalismus und seinen Extremen werden sie es nicht erreichen!" ... „Was werden die Wähler von Heidelberg, Wetzlar und anderen Wahlkreisen, wo noch vor drei Monaten gegen den Erbfeind in Rom gewütet wurde, zu solcher Sinnesänderung eines liberalen Häuptlings sagen?" Am schlimmsten aber trieben es bei den Reichstagswahlen die Nationalliberalen in Dillenburg und dem Westerwald. Dort war es den nationalliberalen Großkapitalisten gelungen, vor, den evangelischen Wählern den Schein zu erwecken, als ob sie sich ganz besonders für die Kirche und nicht für den Geldschrank interessierten und als ob der christlich-soziale Gegenkandidat Herr von Oertzen ein unevangelischer „Jesuitenfreund" sei. Welche echt „jesuitischen" Praktiken diese Herren „von Bildung und Besitz" dabei aber selbst getrieben haben, erhellt aus einem unmittelbar vor der Wahl verteilten Flugblatt. l„Das Volk", 8. Juli 1898.) Denn während man im evangelischen Dillgebiet alle Register des Kulturkampfes aufzog, um den liberalen Kandidaten als Gegner der Katholiken anzupreisen, hat man auf dem katholischen Westerwald die entgegengesetzte Praxis verfolgt. Hier wurde der offizielle Wahlaufruf der Partei verleugnet, „weil er nicht für den katholischen Westerwald, sondern nur für den evangelischen Dillkreis bestimmt gewesen sei (!)." Und ein Flugblatt enthält darüber die folgenden Sätze: „Leider ist ohne Wissen und Willen des Herrn Hofmann, des nationalliberalen Kandidaten, in dem seinerzeit dem Kreisblatt beigelegten Wahlaufruf — der ohne unsere Kenntnis aus dem Kreise Dillenburg direkt an das Kreisblatt zur Beilage übersandt worden war, — die Stellung des Genannten zum Ultramontanismus in einer Weisegeschildert worden, die Irrtum hervorgerufen hat. Herr Hofmann ist nicht für Kulturkampf und ist kein Gegner der katholischen Religion!" — Eine solche Agitationsweise kann wohl nur bei den Nationalliberalen Vorkommen und das „Volk" (8. Juli 1898) drückt sich noch viel zu gelinde aus, wenn es hierüber urteilt:' „Naiver kann freilich der Stimmenfang oder wenigstens der Versuch dazu bei dieser Politik mit „doppeltem Boden" nicht unternommen werden." Ebenso spielte sich auch der Gegner Stöckers, der ehemalige nationalliberale Abgeordnete Kreutz, als Gegner des Kulturkampfes aus, also auch für die Beseitigung aller Kulturkampfrechte, ohne dabei'von seinen nationalliberalen Freunden desavouiert worden zu sein. „In Siegen ließ man sich sogar ein unwürdiges Buhlen um die Stimmen der Katholiken, wie es auf christlich-sozialer Seite nie geschehen ist, gern gefallen. In dieser Hinsicht schlug ein geradezu widerliches Flug-