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Antisemitisches Jahrbuch für ... · 1901-01-01 · Die nationalliberale Partei im Wahlkampfe. · p. Seite 209

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Journal
Antisemitisches Jahrbuch für ...
Volume
1901
Issue
Die nationalliberale Partei im Wahlkampfe.
Date
1901-01-01
Page
Seite 209 (sequence 11)
Language
German
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209 blatt der ganzen Geschichte und Haltung der nationalliberalen Partei geradezu ins Gesicht. Den Christlich-Sozialen wurde dagegen jedes Wort zum Verbrechen gestempelt, das als „katholikenfreundlich" aufgefaßt werden konnte." („Das Volk", 9. Juli 1898.) Das Gleiche wird von dem Abgeordneten Endemann berichtet. Um die Stimmen von noch nicht einmal 500 CentrumSwählern in der Stichwahl zu erhalten, hat dieser Herr nach dem Bericht des „Volkes" vom 12. Juli 1898 auf ein Ersuchen von katholischer Seite in dieser Beziehung eine so befriedigende schriftliche Erklärung abgegeben, daß die Centrumsleute im Wahlkreise Kassel-Melsungen geschlossen für ihn eintraten, und in einer Zuschrift an das „Volk" vom 12. Juli 1898, die diese Thatsache mitteilte, wird gesagt: „Unsere Kasseler Kulturkämpfer, die größtenteils zugleich auch die Parteigänger Endemanns sind, insbesondere der „Evangelische Bund" und noch mehr die hiesigen Logenbrüder sollen allerdings davon nicht sehr erbaut gewesen sein." Unbefangener kann solch ein.Kuhhandel, bei dem man alle politischen Grundsätze verleugnet, nicht gut betrieben werden: Wenn man nur in den Reichstag kommt, durch welche Mittel und auf den Schultern welcher Partei, ist gleichgiltig! Und noch sonderbarer benahm sich der nationalliberale Kandidat Grothe im Kreise Celle Gifhorn, der in einer Wahlversammlung verkündete, er habe sein Programm dem Geh. Kommerzien-Rat Meyer in Hannover vorgelegt und dafür dessen Billigung erhalten! („Deutsch.soziale Blätter", 21. April 1898.) Da hätte der Herr Kommerzien- Rat doch gleich einen Automaten als Wahlbewerber aufstellen können, wenn ihm ein Papagei zu teuer gewesen wäre! — Ebenso unzuverlässig und unselbständig wie in politischen Fragen benahmen sich die Herren bei Gelegenheiten, wo das nationale Allgemeinwohl in Frage kommt. Obwohl sie am lautesten Nationalgefühl für sich in Anspruch nehmen, obwohl sie am lautesten nach Unterdrückung der Polen und Dänen und nicht zu vergessen der Sozialdemokraten schreien, so haben sie doch die Probe auf das Exempel in vielen Fällen herzlich schlecht bestanden. Wo die Mandate in Gefahr kommen, bedenkt man sich nicht, um sozialdemokratische Stimmen zu buhlen, und wo gar die Interessen des heiligen Freihandels und Manchestertums bedroht werden, unterstützt man wohl gar die Sozialdemokratie. Hier einige Beispiele: Die „Deutsch-sozialen Blätter" vom 23. Juni 1898 berichteten: Lieber einen Sozialdemokraten als einen Agrarier, zu diesem Grundsätze hat sich öffentlich der nationalliberale Reichstagskandidat in Norden-Emden-Leer, Herr Justizrat Franzius aus Blankenburg a. H., bekannt. Nach einem uns vorliegenden Zeitungsbericht sagte er in Norderney wörtlich: „Wenn ihr mich nicht wählen wollt, }o wählt lieber einen Sozialdemokraten als Graf Knyphausen." So treiben die Nationalliberalen nationale (!) Sammlungs-Politik! Und in Siegen hielt man es nicht für unwürdig, in der niedrigsten Weise um 400 sozialdemokratische Stimmen gegen Stöcker zu buhlen! Es wurde, wie das „Volk" vom 9. Juli berichtete, ein völliges Abkommen getroffen zwischen der nationalliberalen und sozialdemokratischen Partei, sodaß der Führer der Sozialdemokraten ein Flugblatt von blaßrotem Papier Unterzeichnete, das auf Kosten der Nationalliberalen verbreitet wurde! In diesem forderte der sozialdemokratische Führer mit Namensunterschrift zur Wahl des nationalliberalen Großindustriellen gegen den sozialreformerischen Stöcker auf! Ebenso bewiesen bei der Landtagsersatzwahl in Krailsheim die Nationalliberalen ihre nationale Gesinnung durch Eintreten für den demokratischen Kandidaten 14

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