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Antisemitisches Jahrbuch für ... · 1901-01-01 · Die nationalliberale Partei im Wahlkampfe. · p. Seite 206

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Journal
Antisemitisches Jahrbuch für ...
Volume
1901
Issue
Die nationalliberale Partei im Wahlkampfe.
Date
1901-01-01
Page
Seite 206 (sequence 8)
Language
German
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206 Deutsch-Hannoverschen Partei, das die Wähler ersuchte, für den Nationalliberalen zu stimmen. Hierzu schreibt die „Arbeiter-Zeitung", der die Angaben entnommen waren: „Dies Inserat war eine Fälschung, eine gemeine Urkundenfälschung, auf die Zuchthausstrafe steht." Ja sogar des Betrugs beschuldigte man den Gegner!. So behauptete bei den hessischen Landtagswahlen der Abgeordnete Brauer, der antisemitische Abgeordnete Bahr habe bei der Berechnung der Landtagsdiäten für eine einfache Fahrt das doppelte angesetzt. Der Abgeordnete Bahr erklärte diese ungeheuerliche Verleumdung für unwahr. „Herr Brauer habe nach seiner Gewohnheit die Summe verdoppelt." „Wir sagen, nach seiner Gewohnheit", schreibt die „Deutsche Bolkswacht" <4. November 1899), denn in Homberg hatte er erklärt, der Vorsitzende des Gastwirt-Verbandes, Herr Stadtverordneter Reinemer in Darmstadt, beziehe in dieser Stellung 10 000 Mark Gehalt. Auf eine dahingehende Anfrage ermächtigte uns Herr Reinemer zu der Erklärung, daß diese Behauptung unwahr sei, indem Herr Brauer reichlich das Doppelte des wahren Einkommens, das Herr Reinemer als Vorsitzer der Gastwirt-Kasse bezieht, angegeben hat. Darnach möge ein jeder den. Landtagsabgeordneten Brauer beurteilen." Das ist so eine kleine Blütenlese: Zunächst unwahre Behauptungen über die Ziele und Absichten der Gegenpartei verbreiten, dann in brutalster Weise Untergebene zwingen, gegen ihre Ueberzeugung zu stimmen, und wenn alles nichts mehr hilft, den Gegner persönlich mit Schmutz bewerfen, verleumden und verdächtigen und seine Ehre aufs tiefste verletzen und um dem allen noch die Krone aufzusetzen, schreckt man gegebenenfalls auch vor einer Fälschung nicht zurück! Wahrlich, es erfaßt einen ein Ekel! Während sich nun die Nationalliberalen selber stets wohlgefällig die Partei von „Bildung und Besitz" nennen, haben die Gegner den viel treffenderen Namen „Fraktion Drehscheibe" für diese Jntereffengruppe gefunden. Denn nicht allein, daß die Nationalliberalen an kriechendem Byzantinismus schon jede andere Partei übertreffen trotz ihres „Liberalismus", so suchen sie es auch in politischer Geflnnungs- und Rückgratlofigkeit allen anderen zuvorzuthun! Sie sind jetzt so recht eigentlich die „Regierungspartei sans phrase", die mit der Regierung durch dick und dünn geht und bei der politische Umfälle an der Tagesordnung sind. Dieses servile Kriechen vor der übel beratenen Regierung war besonders in den Tagen ausfällig, als ein tiefer Zwiespalt zwischen dem deutschen Volke und dem Kaiser bestand wegen seiner Stellung zur Transvaalfrage. Da suchten nationalliberale Blätter an Ofsiziosentum und Entschuldigungen der Regierung einander zu übertrumpfen, und so ist es denn, auch kein Wunder, wenn sich dieser Geist sogar offiziell auf nationalliberalen Festen kundgiebt. So geschah es, daß auf einer Feier in Reutlingen der Festredner Rektor Friedrich die überraschende Entdeckung machte, daß die Kaiserliche Regierung „ganz im Bismarckschen Geiste" gehandelt habe und deshalb mit Unrecht getadelt worden sei, daß sie den Präsidenten Krüger abgewiesen habe. Den Trumpf spielte Oberförster Bosinger aus, als er folgende Distichen verlas: Zeter und Jammer erfüllte in jüngsten Wochen die Blätter, Weil gehofften Empfang Krüger nicht fand in Berlin. Anders erscheinet dem Volke im dunstigen Nebel so manches, Was vom höheren Platz hell der Kaiser erschaut. Besser freilich zu wissen meint alles der Bierbankphilister: Aber an Kaiserlich Wort reicht nicht nörgelnder Tratsch. („Deutsche Wacht", 1. Februar 1901.)

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