Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1901
- Issue
- Die Juden in Deutschland III.
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/9038025-9038028-423321--366-185336- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 103 — -vorteilhaftesten erscheine, sich ehrlich und offen der Sozialdemokratie anzuschließen. Er schreibt wörtlich: „Will man aber ermitteln, zu welcher Partei die Juden als solche im allgemeinen sich halten sollen, so wird man natürlich am meisten diejenigen berücksichtigen, welche sich am rückhaltlosesten für die Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Rücksicht auf Konfession (?) und Abstammung ausgesprochen und auch durch ihre Vertreter.in den gesetzgebenden Körpern demgemäß gewirkt haben. -Ganz frei von jedem konfessionellen und nationalen. Vorurteil sind die Sozialdemokraten und im großen und ganzen auch die Freisinnigen. Letztere Partei ist aber in jüngster Zeit in Gefahr, an Ansehen und Anhängerschaft noch mehr herunterzukommen .... Demnach wäre es eigentlich für die große Masse der Juden .... das zweckmäßigste, sich der Sozialdemokratie anzuschließen. Auch ist ja nicht daran zu zweifeln, daß thätliche Angriffe (!) nur von seiten der großen Masse des Volkes uns droben, aus welcher sich die Anhänger der Sozialdemokratie rekrutieren. Deshalb ist es unser Vorteil und unsere Pflicht, sie uns zu Freunden zu halten, die im Augenblick der Not am wirksamsten uns Beistand zu leisten befähigt sind. Aber auch die besser situierten Juden handelten zweckmäßiger, is mit den Sozialdemokraten zu halten. Diese haben es selbst bereits eingesehen, daß mit dem bloßen Verteilen der Güter die soziale Frage nicht gelöst ist, daß die „neue Gesellschaftsordnung" sich auf dem Fundament der alten wird aufbauen müssen . . . . Sie (die Sozialdemokratie) eignet sich demnach vortrefflich als Bundesgenossin des Judentums im Kampfe für Freiheit und Gleichberechtigung . . . ." So ist's recht! Das ist wenigstens deutlich. Eine ähnliche Aufforderung erläßt das „Jüdische Volksblatt" (Wien), es zugleich ein köstliches Zugeständnis tums macht. Es schreibt wörtlich: „Es mag ja Augenblicke geben, in denen es die momentane politische Konstellation als angemessen erscheinen läßt, daß wir Juden für die Sozialdemokratie eintreten. Sich derselben aber mit Leib und Seele zu verschreiben, davor kann die Judenschaft nicht oft genug gewarnt werden. Denn durch einen innigen und unlöslichen Anschluß an die Sozialdemokratie kompromittiert sich das Judentum selbst und kompromittiert es auch die sozialdemokratische Partei. Es kompromittiert sich selbst, weil sich die Juden in den Augen der anderen, der Nichtsozialiften, mit den revolutionären Tendenzen identifizieren, die der Marxismus vertritt. Und das kann man denn doch dem Juden bei all seiner Begeisterung für Freiheit und Fortschritt nicht nachsagen, daß er ein Revolutionär sei. Aber auch die Partei wird durch das Judentum kompromittiert. Schon auf dem vor zwei Jahren abgehaltenen indem von der zersetzenden Wirksamkeit des Juden- Parteitage der österreichischen Sozialdemokratie wurden Stimmen laut, welche es ganz entschieden ablehnten, daß die Partei für eine „Judenschutztruppe" angesehen werde. Und das kann man ihnen auch nicht verargen. Die Juden haben noch keiner Partei, der sie sich unbedingt und rückhaltlos angeschlossen h aben, Segen gebracht.... Fördern wir die Sozialdemokratie, wie es nur angeht, aber seien wir hierbei vorsichtig, damit die breiten Massen es nicht merken, daß die Sozialdemokratie nur eine Judenschutztruppe ist und damit für die Gegner kein Anlaß vorhanden )'ei, die betreffende Partei als Judenknechte, und wie dergleichen liebenswürdige Ausdrücke noch lauten, zu bezeichnen." (Einige besonders wichtige Bekenntnisse haben wir durch Sperrdruck hervorgehoben. „Staatsbürger-Zeitung" 3. August 1899, Nr. 359, Abend-Ausgabe.) Der Rat, die Sozialdemokratie nur heimlich zu fördern, und sie nicht durch Aufdeckung ihres Charakters als Judenschutztruppe zu kompromittieren, ist gewiß sehr gut. Aber sollte er nicht einige Jahrzehnte zu spät kommen? (Vergl. Antisemitisches Jahrbuch 1897, S. 119 ff.) Auch Bebel hat schon davor gewarnt, die Verjudung der Sozialdemokratie allzu grell hervortreten zu lassen (ebendort S. 121), freilich .ohne Erfolg.