Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1901
- Issue
- Aus der Kille. Innerjüdisches Gemeindeleben und damit Zusammenhängendes.
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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44 hat der andere Teil für 20 000 GemeindemiLglieder GebeLsstätLen geschaffen, für jeden seiner Richtung gemäß. Ist das intolerant? Ist das keine „gleichmäßige Fortentwickelung"? Wie die Orthodoxen zu den Anschauungen der Liberalen stehen, zeigt eine Besprechung der „Ethik des Judentums" von Professor Lazarus in der „Israelitischen Monatsschrift", wissenschaftliche Beilage zur „Jüdischen Presse" (1899 Nr. 6): „Wir können uns der Meinung nicht verschließen, daß es innerhalb des Judentums zwei diametral einander entgegenstehende Richtungen giebt: rabbinisches Judentum und Reform-Judentum. Und wenn auch das erstere sich wieder in einzelne Richtungen gliedert, so ist doch der Unterschied, z. B. zwischen Cyassid und Misnaged^ verschwindend und daher gegenstandslos, wenn wir sie dem Reform-Judentum gegen- - überstellen. Anerkennung der schriftlichen und mündlichen Lehre in Gesinnung und Lebensführung wird von beiden gefordert und befolgt. Zwischen ihnen und der Reform gähnt eine breite Kluft. Wir meinen hier nicht die Reform im engeren Sinne, wie sie durch Holdheim begründet wurde. Das gesamte sogenannte „liberale Judentum", soweit es überhaupt sich auf sich selbst besinnt, und Denken und Handeln auf einer möglichst geschlossenen Weltanschauung aufbaut, geht doch von dem Standpunkte aus, daß die altgeheiligte Gesetzgebung und nicht nur die talmudische^ sondern auch die biblische nicht unbedingtMaßgebend ist, daß sie unter anderen Zeitverhältnissen zu ändern ist." Die tiefgehenden Meinungsverschiedenheiten zwischen den reformerisch gesinnten Liberalen und den starren Orthodoxen führten in letzter Zeit mehrfach zu Spaltungen. Da die letzteren, namentlich in den großen Städten, nur einen geringen Bruchteil der Judenheit auszumachen pflegen, so sondert sich dann eine kleine strenggläubige ^Gemeinde sektiererisch von der Menge ab. Bereits vor längeren Jahren hat sich ein solches Schisma in Berlin vollzogen. Anfangs dieses Jahres geschah das Gleiche in Königsberg. Der stets kampflustige, schimpffreudige M. A. Klausner sagt darüber in einem langen Aufsatze der „Israelitischen Wochenschrift" (1900, Nr. 2): „Abermals ist es in einer jüdischen Gemeinde Deutschlands, in Königsberg in Preußen, zu einer Spaltung gekommen, und wieder ist es eine ganz bestimmte Färbung der Orthodoxie, von der das Aergernis ausgegangen. — Nachdem iü) seit Jahren und Jahren für das Recht der Orthodoxie in der Gemeinde auf volle Berücksichtigung ihrer religiösen Bedürfnisse vorbehaltslos eingetreten bin, wird es nicht angängig sein, mich der Feindseligkeit gegen diese Richtung zu zeihen, wenn ich behaupte und zu beweisen mich stark mache, daß die Anstifter und Organisatoren solcher Spaltungen, wie hier wieder eine herbeigeführt worden, nicht aus wahrhaftiger Frömmigkeit so handeln, wie sie thun, sondern im besten Fall in kurzsichtiger Verkennung unserer Gesamtinteressen, unserer Verpflichtungen gegen die Religionsgemeinschaft, der wir alle angehören." Weitläufig werden nun die Differenzen zwischen der orthodoxen Adas-Jisroel- Vereinigung und der Königsberger Gemeinde geschildert. Herr Klausner sieht voraus, daß diese Vorgänge sich in vielen Großgemeinden wiederholen Werdern Er meint: „Das Rezept ist einfach genug: Man bildet in einer Großgemeinde eine orthodoxe Sondervereinigung, schafft rituelle Sondereinrichtungen, deren Notwendigkeit, man mit der Unzulänglichkeit oder Unzuverlässigkeit der betreffenden Gemeindeeinrichtungen begründet, versichert sich der materiellen Unterstützung wohlwollender GemeindemiLglieder, und dann tritt man aus der Gemeinde aus und nennt sich selbst „Gemeinde" ... An Gutmütigen fehlt es nicht, die in der Synagogengemeinde bleiben, aber die Sondervereinigung aus Sympathie für die religiös Bedürftigen sub-