Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1901
- Issue
- Aus der Kille. Innerjüdisches Gemeindeleben und damit Zusammenhängendes.
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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43 läßt schon eine fühlbare Lücke. Selbst wenn ein sangeskundiger Ersatzmann helfend einspringt — er ist doch nur ein Lückenbüßer, und der Andächtige vetliert seine Andacht, wenn er nicht weiß, ob er auch in Zukunft aus der gleichen Kehle die gleichen Melodien hören wird. Ganz unersetzlich aber ist der Schammes, der Ordner der Gebetsparade, der mit diskreten Winken anzeigt, wann die Gemeinde sich erheben soll, und mit leisem Kommandowort aufmerksam macht, wann die Schicklichkeit gebietet, daß die Gemeinde sich setze. Ohne diese Andachts-Wachtmeister 0) geht es einfach nicht, sie sind unentbehrlich, bei ihrem Fehlen geht alles aus Rand und Band." Einem anwesenden Nichtjuden muß der seine Thätigkeit ausübende „Andachts- Wachtmeister" einen befremdenden, komisch wirkenden Anblick gewähren, wie ja überhaupt eine johlende „Judenschule" von grotesker Wirkung ist. Parteien in den Gemeinden. Für den Außenstehenden sind die Streitigkeiten der verschiedenen Richtungen innerhalb der jüdischen Gemeinden sehr lehrreich bezüglich deS die Parteien beseelenden Geistes. Wie wir bereits erwähnten, war durch die vorletzten Wahlen die Mehrheit der Repräsentanten der Berliner Gemeinde aus dem Lager der Konservativen hervorgegangen. U/s nun im Herbst 1898 Neuwahlen stattfinden sollten, wandten sich die Liberalen mit einen: Aufruf an die Wähler, in dem sie mit großer Emphase immer wiederholten: Wir sind tolerant und verlangen Toleranz auch für uns! Darauf entgegnete das Organ der Orthodoxen, die „Israelitische Wochenschrift" (1898, Nr. 40): „Wenn jemand in einem Appell'an die Gesamtheit es für nötig hält, in siebenfacher Wiederholung die eigene Toleranz zu versichern und Toleranz für sich zu heischen, so ist er eigentlich schuldig, den Nachweis zu erbringen, daß er einen Mangel an Toleranz zu beklagen Ursache gehabt hat; jedenfalls darf er darauf angesprochen werden, daß er behauptet; Toleranz werde thatsächlich nicht geübt, vielmehr sei ihre Uebung erst von ihm und seinen Gesinnungsgenossen zu erwarten." „Eine solche Behauptung, von angeblich liberaler Seite aufgestellt und gegen die Personen gerichtet, die vor drei Jahren von der Mehrheit der wählenden Gemeindemitglieder mit der Leitung der Gemeinde betraut worden sind, ist eine Unwahrheit. Man mag die gemeindeamtliche Thätigkeit dieser Männer mit peinlichstem Mißtrauen durchforschen — es wird nicht gelingen, darin irgend etwas zu finden, was den Verdacht auch nur anregen könnte, daß sie das Recht einer Partei oder eines Einzelnen gekränkt, einer in der Gemeinde vorhandenen Richtung Rücksicht, versagt hätten, daß sie gegenüber dem Reformertum — dem, das sich so nennt, wie dem, das liberal firmiert — schroff oder überhaupt abweisend gewesen wären. — In den letzten drei Jahren ist eine neue große Synagoge gebaut und eingeweiht worden. Ihre liturgische Einrichtung ist nach dem Muster der äußersten Linken getroffen worden. Das ist unter der Herrschaft der sogenannten Orthodoxie geschehen. Ist das intolerant? Was hätten denn die sogeuannlen Liberalen in dieser Richtung mehr thun können?" „In der neuen Aera ist die Subvention für das neue Schoßkind der sogenannten Liberalen, die Reformgemeinde von 8000 auf 20 000 Mark erhöht worden. Ist das intolerant? — Vor drei Jahren haben die neuen Repräsentanten, die von den sogenannten Liberalen aufs heftigste bekämpft worden sind, einen Vorsitzenden gewählt. Sie beriefen auf diese Stelle nicht einen aus ihrer Mitte, was sie nach ihrer Zahl konnten, sondern einen Gegner. Das ist gewiß nicht intolerant, das ist beinahe schon zu tolerant!" „Dreißig Jahre hindurch haben die sogenannten Liberalen die Verwaltung der Berliner Gemeinde unbeschränkt geleitet. Nach der Beendigung dieses Regimes