Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1901
- Issue
- Aus der Kille. Innerjüdisches Gemeindeleben und damit Zusammenhängendes.
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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35 Christen sei mit der Einsetzung des Sonntags als Feiertag vollzogen worden. Deshalb dürfe die Einrichtung eines Sonntagsgottesdienstes von der jüdischen Gemeinde nicht getroffen werden." Anderer Anstcht war der „konservativ-liberale" GeheimraL Senator. (Geheimer Medizinal-Rat, ordentlicher Honorar-Professor an der Universität, Direktor der dritten medizinischen Klinik in der Königlichen Charitee und der Universitäts-Poliklinik), er meinte: „Ein Sonntagsgottesdienst verstoße nicht gegen die Gebräuche des Judentums. Es handle sich nur darum, daß man dem Gottesdienst nicht den Sabbatcharakter verleihe. Er sei in seiner Ansicht noch durch Erfahrungen aus der jüngsten Zeit bestärkt worden. Mehrere orthodoxe Amerikaner hätten ihm mitgeteilt, daß sie in der Heimat der Gemeinde angehörten, die am Sonntag einen Gottesdienst eingerichtet hätte. Wenn sie am Sonntag nicht in das Gotteshaus gehen könnten, würden sie - das ganze Jahr hindurch vom Judentum nichts hören." — Der „liberale" Professor Blaschke (Oberlehrer an dem städtischen Sophien-Realgymnasium) „kann den Standpunkt Baginskys nicht als historisch anerkennen. Historisch sei für den Gottesdienst der Grundsatz, daß der Gottesdienst sich stets nach dem praktischen Leben gerichtet hätte. Das praktische Leben stelle an uns jetzt Forderungen, die nicht zu einer Zeit gestellt werden brauchten, als die Verhältnisse noch weit einfacher gelegen hätten, als die Juden den Sabbat durch Ruhe von der Arbeit hätten heiligen können. Der Gottesdienst am Montag und Donnerstag sei nach dem praktischen Leben gestaltet worden. Die Besucher des Gotteshauses hätten nicht nur das Bedürfnis zu beten, sondern gemeinsam mit ihren Glaubensgenossen zu beten, worauf unsere religiösen Vorschriften das größte Gewicht legen. Was für den Sonntag in der Petition gefordert werde, sei nur eine Ausgestaltung des Wochengottesdienstes und seine Verlegung auf eine Zeit, in der der größte Teil der Gemeindemitglieder abkommen könne." Herrn Blaschke unterstützte der „radikale" Professor Geiger: „Er halte es nicht für nötig, zu widerlegen, daß man den Christen durch die Einführung des Sonntagsgottesdienstes nachahme. Nur der Grund, daß der Sonntag der Ruhetag des Staates sei, hätte den Wunsch veranlaßt. Man hätte kein Recht, zwischen glaubenstreuen und nicht glaubenstreuen Juden zu unterscheiden und denen Mangel an Glaubenstreue vorzuwerfen, die durch ihren Beruf verhindert seien, am Sabbat die Synagogen zu besuchen. Das Prinzip der liberalen Forderung müsse sein, daß die Gemeinde allen Richtungen in gleicher Weise gerecht werde, und daß, wie eine alte Synagoge bestände, in der die strengen Formen beobachtet würden, von Gemeindewegen auch ein Gotteshaus für den Sonntagsgottesdienst eingeräumt werde." — Es wurde beschlossen, den Antrag, einen Sonntagsgottesdienst einzuführen, einer Kommifsion zu überweisen, die in nächster Sitzung gewählt werden sollte. Uns ist nicht bekannt geworden, daß bereits eine weitere Beratung und Beschlußfassung stattgefunden hat. Gebetbuch. Eine andere Frage, die an verschiedenen Stellen die jüdischen Gemüter beschäftigt, ist die, ob die gegenwärtig gebrauchten (hebräischen) Gebetbücher durch andere mit deutschem (oder hebräischem und deutschem) Text ersetzt werden sollen. Die Mehrzahl der deutschen Juden — so begründen die Befürworter der Neuerung ihre Forderung — kann kein Hebräisch oder so wenig, daß ihr das Verständnis des Inhaltes der Gebete völlig fehlt. Aus diesem Grunde hatte sich im Frühling 1900 der Oberrat der badischen Israeliten veranlaßt gesehen, an die Mitglieder der Gemeinden Fragebogen zu versenden, die sich auf den Gegenstand beziehen. Darin finden sich unter andern folgende Fragen: „Haben Sie auch Unterricht im Uebersetzen des Hebräischen gehabt, bei wem und bis zu welchem Alter? War auch hebräische Grammatik damit verbunden? Können Sie jetzt auch hebräische 3*