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Antisemitisches Jahrbuch für ... · 1900-01-01 · Aus der Statistik. · p. Seite 196

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Journal
Antisemitisches Jahrbuch für ...
Volume
1900
Issue
Aus der Statistik.
Date
1900-01-01
Page
Seite 196 (sequence 13)
Language
German
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196 etwas abgenommen hat. Dies beeinflußt ihre Kriminalität sehr stark, weil aus Diebstahl und Unterschlagung selbst im Jahre 1894 immer noch 55 Hundertstel aller verurteilten Jugendlichen kamen. Neben dem Diebstahl aber schieben sich auch hier mehr und mehr die Roheitsdelikte in den Vordergrund, wie ja das starke Anwachsen bei Körperverletzung erkennen läßt, das auch in den Jahren 1895—9? nicht zum Stehen gekommen ist. Fassen wir nun zusammen, was uns dieser kurze Ueberblick über die Kriminalität der Reichsbevölkerung gelehrt hat, so 'finden wir unverkennbare Anzeichen von wachsender Verwahrlosung des ganzen Volkes in allen Altersklassen als Folge der zunehmenden Proletarisierung. Vielen Kindern wird keine ausreichende häusliche Erziehung mehr zuteil, und die Schule mit ihren gepriesenen Kultur- Wirkungen kann, wie unsere Zahlen zeigen, das Fehlende nicht ersetzen. Viele Erwachsene haben keine Freude mehr an ihrer Existenz, darum fehlt ihnen die innere Stimme, die sie auf rechtem Wege erhält, darum fehlt ihnen das Ehrgefühl, das fie vom Verbrechen zurückhält. Die preußische Thronrede, die an dem Tage gehalten wurde, wo ich diese Zahlen zusammenstellte,"verspricht einen Gesetzentwurf über Zwangserziehung verwahrloster Kinder, um dem Nebel abzuhelfen. Leider ist ein solches Gesetz ja sehr nötig, das zeigen eben unsere kriminalstatistischen Zahlen. Verblendung wäre es aber zu glauben, daß durch solche Zwangsgesetze wirklich dem Nebel gründlich abgeholfen werden könnte. Das hieße auf Symptome kurieren und sich einbildem daß man dadurch die Krankheit heben könnte. Es muß auch hier gesagt werden: die Wurzel des Nebels liegt in unserem gedankenlosen manchesterlichen Wirtschaftssystem. das das schrankenlose Ueberwuchern der Großbetriebe und die schonungslose. Proletarifierung von breiten Schichten unseres Volkes gestattet. Solange man nicht dagegen einschreitet, wird sich auch die Verrohung und der Mangel an Ehrgefühl in bedrohlichster Weise fortentwickeln und schließlich wird die großkapitalistische Wirtschaftsweise unser Volk zu Grunde richten, wie fie bisher noch jedes Volk zu Grunde gerichtet hat, das nicht die Kraft fand, sich davon zu befreien. Um ganz zu ermessen, welche grauenhaften Verwüstungen die großkapitalistische Wirtschaftsordnung oder richtiger -Unordnung im materiellen Wohlstände breiler und für den Staat überaus wichtiger Bevölkerungsschichten und im deutschen Volksgeiste angerichtet hat, muß man berücksichtigen, daß die im Vorstehenden besprochenen Aenderungen, soweit sie sich aus der Betriebsstatistik ergeben, in dem kurzen Zeiträume von 13 Jahren herbeigeführt worden sind, und daß die starke Zunahme der Kriminalität sogar in nur 12 Jahren stattgefunden hat. Weiter mutz in Anschlag gebracht werden, daß im Jahre 1882 die Lage des Handwerks keineswegs mehr eine glänzende war. Hatte die großkapitalistische Wirtschaftspolitik doch schon im Anfänge der 60er Jahre eingesetzt, wurde doch schon damals über den Niedergang des Handwerks geklagt; und ebenso alt sind in Bezug auf die kriminellen Neigungen gewisser Bevölkerungsschichten die Klagen über zunehmende Verrohung. Endlich darf man ja nicht annehmen, daß die 1895 gezählten Betriebe nun ihrerseits alle wirtschaftlich gesund gewesen seien. Die meisten von den kleineren Betrieben dürften zur Zeit der Zählung in einem schweren Kampfe um ihre Erhaltung begriffen gewesen sein. Ganz besonders gilt das von den kleineren Betrieben im Handel, die erfahrungsmäßig in den größeren Städten oft mit dem letzten Notgroschen von solchen Leuten eröffnet werden, die auf allen anderen Gebieten unter dem Drucke der manchesterlichen Wirtschaftsordnung bereits Schiffbruch gelitten haben. Die Statistik ist da nur im stände zu zählen, was ist und was

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