Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1900
- Issue
- Aus der Statistik.
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 191 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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191 den Aufsichtsrat auf oder der Reorganisator oktroyiert ihr seine Vertrauensleute. Eine kraftvolle und erfolgreiche Direktion ist stets bestrebt, sich von der ursprünglichen Abhängigkeit vom Aufflchtsxat freizumachen; wenn ihr die Zusammensetzung desselben nicht paßt, wenn der Aufsichtsrat oder einzelne Mitglieder desselben ihr durch Widerspruch und zu große Neugierde unbequem werden, so wird es einer klugen Direktion fast stets gelingen, in aller Stille eine oppositionelle Aktienmehrheit zusammenzubringen, welche in der Generalversammlung an Stelle der turnusmäßig ausscheidenden Aufsichtsratsmitglieder andere aus dem Freundeskreise der Direktion wählt. So liegt die Sache bei allen erfolgreich arbeitenden Gesellschaften gegenüber der Mehrzahl der Aufsichtsratsmitglieder; so liegt sie immer bei den großen kapitalreichen Gesellschaften. Die Aufsichtsratsmitglieder sind sich dieser Abhängigkeit von der Direktion wohl bewußt; sie hüten sich, sich durch Widerspruch und allzugroße Wißbegierde mißliebig zu machen, zumal da sie wissen und stets Zu ihrer Entlastung geltend machen können, daß sie nur eine Stimme im Aussichtsrat haben, für sich allein aber kein Recht haben, irgend welche Aufklärungen zu verlangen. Man kann die Auffichtsratsmitglieder tn Kategorieen einteilen, welche eine besondere Erwähnung verdienen. Das sind erstens solche, denen das ihnen zur Verfügung stehende Aktienkapital eine überwiegende Macht über die Gesellschaft in die Hand giebt; zweitens solche, welche wegen ihrer amtlichen Stellung, Titel und dgl. gewissermaßen zur Dekoration in den Aufsichtsrat gewählt sind, und drittens die zahlreiche Klasse derjenigen. welche überhaupt nur die Tantieme beziehen wollen und dafür zu allem ja sagen und Alles unbesehen unterschreiben. lieber die Leute der letzteren Art ist weiter nichts zu sagen. Die dekorativen Mitglieder kümmern sich um die Geschäftsführung ebenfalls nur insoweit, daß mit ihrem Wissen nichts Passirt, was ihre amtliche oder gesellschaftliche Stellung gefährden könnte; alles andere ist ihnen gleichgiltig, da sie es doch nicht verstehen. Die kapitalistischen Mitglieder endlich sind gewöhnlich die Emittenten der Aktien, welche meist wieder mit den Gründern identisch oder befreundet sind. Sie bleiben in stetem Konnex mit einem Stamm von Aktionären und sind stets in der Lage, dieselben „zur Wahrung ihrer Interessen" um sich zu sammeln. Dieser Einfluß hört erst in sehr großen Aktiengesellschaften auf. Daß es auch Auffichtsratsmitglieder giebt, welche in diese Kategorieen nicht hineinpassen, ist selbstverständlich; aber das sind Ausnahmen. Die in den Umrissen dargestellte Zusammensetzung der Aufsichtsräte giebt die Erklärung zu der immer wiederkehrenden Thatsache, daß beim Zusammenbruch einer Aktiengesellschaft der Aufsichtsrat von der Mißwirtschaft keine Ahnung gehabt hat und dadurch charakterisiert sich die Mitwirkung des Aufsichtsrats in der Verwaltung der Aktiengesellschaften in gar zu vielen Fällen als erfolglos; sie verteuert nur die Verwaltung, vielfach sehrerheblich. Es giebt Aktiengesellschaften, welche dem Vorsitzenden des Aufsichtsrats jährlich ein Ministergehalt als Tantieme zahlen und trotzdem ist dieser hochbezahlte Posten nur eine Dekoration oder eine Sinekure. Daß von dem Vorsitzenden und den Mitgliedern des Aufsichtsrats seitens der Direktion keine eigentliche Arbeit verlangt wird, ist selbstverständlich; sie sollen, wenn überhaupt etwas, nur ihren Einfluß und ihren Intellekt für die Gesellschaft verwenden; aber auch in dieser Beziehung wird vom Aufsichtsrat meist sehr wenig geleistet und gewöhnlich gar nichts verlangt. So charakterisiert sich die Stelle eines Aufsichtsrats-Mitglieds in Wahrheit meist als eine reine Sinekure, und dieser Charakter tritt um so schärfer hervor, je mehr Aufsichtsratsstellen sich in einer Hand vereinigen. Vor einiger Zeit ist ein Adreßbuch der Aufsichtsräte der deutschen Aktiengesellschaften herausgegeben worden, welches zwar einen stattlichen Band bildet, aber dennoch von Vollständigkeit weit entfernt ist. Auch fehlt in dem Buch die statistische Verarbeitung des beigebrachten Urmaterials: es fehlt die Zahl der Personen und der von denselben insgesamt und von jeder einzelnen bekleideten Aufsichtsratsstellen, es fehlt auch die Zergliederung der in einer Hand vereinigten Branchen. Aber wenn man das Buch durch blättert, so trifft man auf eine große Zahl von Personen, welche bei einem Dutzend und mehr Aktiengesellschaften der verschiedensten Branchen oder mit konkurrierenden Betrieben Aufsichtsratsstellen bekleiden. Die höchste Zahl erreicht der Freiherr Eduard von Oppenheim in Köln, Mitinhaber der Firma Sal. Oppenheim sr. & Co. in Köln, mit 35 Stellen. Mit mehr als