Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1900
- Issue
- Der Bund der Landwirte bei den Wahlen.
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 181 (sequence 32)
- Language
- German
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181 Ob dies noch lange möglich sein wird, ist freilich fraglich. Denn es entstehen für jeden ehrliebenden Mann durch dies Fortwursteln lediglich aus Gründen augenblicklichen Vorteils geradezu unerträgliche Zustände. Denn was soll man dazu sagen, daß im Wahlkreis C elle-Peine-Gifhorn der Bund mit den National- Liberalen einen gemeinsamen Kandidaten aufstellte, natürlich einen waschechten National-Liberalen (Dtsch.-Soz. Bl. 21. April 98), während die Organe dieser Partei, allen voran der doch wohl auch in diesem Kreise gelesene „Hannov. Courier" jene widerliche verleumderische Thomasphosphathetze gegen den Bundesvorstand trieb und von nationalliberalcr Seite (gedruckt bei Gebr. Jänecke in Hannover) ein Flugblatt „An die Landwirte Hannovers" verbreitet wurde, in dem es u. a. heißt: „Während die deutsche Landwirtschaftsgesellschaft ihren Mitgliedern das Thomasmehl zu 24 Pfg. liefert, hat die Bundesleitung die Thomasphosphatfabriken veranlaßt, den Mitgliedern des Bundes der Landwirte 25 Pfg. in Rechnung zu stellen. Und weshalb? Damit die Bund es l eitung einen Extrarabatt von 15 Mark per Waggon erhalte. Die Landwirte, die Thomasmehl von der Bundesleitung beziehen, haben dafür im Jahre 1896 eine Extrasteuer von 20000 Mark bezahlen müssen. Von diesem Geld sind eingestandenermaßen mindestens ein beträchtlicher Teil als Tantiemen an die Beamten der Geschäftsstelle des Bundes verteilt worden." — Während der nationalliberale Reichstagskandidat in Norden-Emden-Leer Justizrat Franzius, die Losung ausgab: Lieber einen Sozialdemokraten als einen Agrarier (Deutsch-Soz. Bl. 23. 6. 98.)! Während die doch keineswegs „lokalisierte" „National-Zeitung" (Deutsch-Soz. Bl. 28. 4. 98) erklärte: „Es giebt ernste, ihrer politischen Verantwortlichkeit sich wohl bewußte Männer, die für das Sozialistengesetz und für jede Erneuerung desselben eingetreten find und trotzdem dazu entschlossen find, bei der Wahl zwischen einem Anhänger der Partei Plötz und einem Sozialdemokraten nicht für den ersteren zu stimmen". — Während dessen mußte es die Zentral-Leitung des Bundes gut heißen, daß die Bundesmitglieder gemeinsam mit oder gar im Dienste der nationalliberalen Partei bewährte agrarische Abgeordnete, wie Bindewald und Hirschel in Hessen, bekämpften! Neuerdings scheint man fich allerdings endlich im Bunde darüber klar zu werden, daß man von den alten Parteien ge mißbraucht worden ist. So schrieb die .„Deutsche Tageszeitung" am 2. November 99 voll Erbitterung: „Zur Landtags Wahl im Crailsheimer Kreise hat die deutsche Partei in Uebereinstimmung mit einem Beschlüsse des engeren Landesausschusses sich dahin entschieden, ihren Mitgliedern bei der Stichwahl zwischen dem Kandidaten des Bundes der Landwirte und der demokratischen Volkspartei freie Hand zu lassen. Dieser Beschluß wird der deutschen Partei unvergessen bleiben. Bekanntlich umfaßt fle nicht nur national-liberale, sondern auch, obwohl in der Minderzahl, freikonservative Männer. Diesen Männern wird „freie Hand" gelassen, wenn sie zwischen einem durchaus national gesinnten, der konservativen Partei nahestehenden Kandidaten des Bundes der Landwirte und einem süddeutschen Demokraten, der in der Gefolgschaft der Gebrüder Haußmann marschiert, zu wählen haben. Das nennt man „nationale Politik". Das ist der Dank dafür, daß die Mitglieder des „Bundes der Landwirte" bei der letzten allgemeinen Reichstagswahl die Vertreter der deutschen Partei, obwohl sie ihnen manchmal nicht sonderlich angenehm waren, in selbstlosester und entschiedenster Weise unterstützt haben. Wir stehen nicht an, den Beschluß der Leitung der deutschen Partei im Kreise aufs tiefste zu bedauern und aufs entschiedenste zu mißbilligen, und fürchten, daß er für die Zukunft unliebsame Konsequenzen zeitigen wird." Am 7. November stellte das bündlerische Blatt ausdrücklich fest, es ergäbe sich aus den Stichwahlzahlen, daß „eine erhebliche Anzahl" jener National-Liberalen und Freikonservativen gegen den Bund „für den Demokraten gestimmt habe".