Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1900
- Issue
- Der Bund der Landwirte bei den Wahlen.
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9038025-9038027-423309--173-185153- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
155 Materialien der verschiedenen Reichs- und Landesbehörden, in der agrarisch-gesinnten Presse, wie nicht minder in zahlreichen öffentlichen Versammlungen haben die führenden Männer des Bundes den Nachweis des Darniederliegens der deutschen Landwirtschaft geführt. Mutzte sich die erstarkende agrarische Bewegung auch von ihren Gegnern die Denunziation der demagogischen Agitation gefallen lassen, so ist doch erreicht, daß endlich die Regierung sowohl, wie die öffentliche Meinung die Thatsache eines schweren Siechtums in der Allgemeinheit der landwirtschaftlichen Betriebe anerkennen mutzte. — Dies ist als Haupterfolg des Vergleicht man das mit obigem, so ergiebt sich: Der Bund hat in den ersten Jahren seiner Thätigkeit, trotzdem er noch nicht viele als Bundeskandidaten gewählte Abgeordnete in der Volksvertretung hatte, mit Hilfe und durch die Vorarbeit derjenigen, die ihm die Kerbe vorgehauen hatten, einige Forderungen durchgesetzt. Das war zu der Zeit, als er sich noch nicht vor dem Vorwurfe „demagogischer Agitation" scheute; später, als er dies that, hat er sich auf Lamentieren über die Notlage beschränkt, und die Regierung, die ihre Pappenheimer im konservativen Lager kennt, hat rein theoretisch den Notstand zugegeben, um die so beruhigten Gemüter Hinhalten zu können. Was wird aber damit der Landwirtschaft genützt? Ja, der Bund hat ohne Zweifel seinen eigentlichen Zweck verfehlt. Er wurde bekanntlich gegründet, um das Zustandekommen des russischen Handelsvertrages zu verhindern, und das ist ihm nicht gelungen. Auch der Antrag Kanitz, dem anfangs eine solche Bedeutung beigelegt wurde, datz man von seiner Annahme die Flottenfrage abhängig machen wollte („Kein Kanitz, keine Kähne!" lautete damals der Schlachtruf) wurde fallen gelassen (Antis. Jahrb. 98, S. 113 ff.). Statt dessen stellte Mitte Juni 97 der Bund die Forderung eines sofortigen Einfuhrverbotes für alle ausländische Brotsrucht, womit er allerdings, und mit Recht, nur allgemeines Kopfschütteln erregte. Die Hauptforderungen des Bundes find schlechterdings alle unerfüllt geblieben. Und wenn es nun das graue Büchlein (S. 27, s. o.) so darstellt, als habe das daran gelegen, datz bis 98 keine ausreichende Anzahl zuverlässig agrarischer Abgeordneten im Reichstage gesessen habe, datz dies aber nun anders sei; so steht dies mit den Thatsachen im direktesten Widerspruch: der Bund hat sich gerade im neuen Reichstage noch weniger zur Geltung bringen können als im alten. Er machte allerdings schon vor Zusammentritt des Reichstages viel von sich reden, indem drei Bundesinterpellationen stramm angekündigt wurden, 1) über die mangelhafte Durchführung des Börsengesetzes, 2) über eine gegen die Viehsperre gerichtete Enquete, betr. die Fleischnot und 3) über die Höhe des Bankdiskonts. Und was ist aus dieser großen Aktion geworden? Zweider Interpellationen fielen überhaupt unter den Tisch, nur die über die Fleischnot kam mit Hängen und Würgen in einer sehr abgeschwächten, nichtssagenden Fassung zu stände: „Ist der Herr Reichskanzler bereit, Auskunft über die Ergebnisse der Enqueten zu erteilen, die in den verschiedenen Bundesstaaten über die angebliche Fleischnot stattgefunden haben?" Und um diesen Erfolg zu erzielen, hat man fast sieben Wochen verhandeln müssen: am 23. November 98 wurden die stolzen Interpellationen angekündigt, am 10. Januar kam der dürftige Ueberrest zur Besprechung. Und der Spott blieb auch nicht aus. Die „National-Ztg." schrieb, in an erster Stelle zu nennen. Ohne seine anfklärende Thätigkeit wäre die Landwirtschaft noch immer das Aschenbrödel der Gesetzgebung. — Die Bedeutung des Erfolges kann dadurch nicht geschmälert werden, daß die Regierung den landwirtschaftlichen Forderungen gegenüber noch immer eine zögernde Haltung einnimmt, die mehr und mehr hervortretende Wandlung in ihren Anschauungen noch nicht ihren vollen praktischen Wert erlangt und in ausreichenden gesetzgeberischen Maßnahmen ihren Ausdruck gefunden hat." —