Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1900
- Issue
- Ein kritischer Spaziergang durch M. Lazarus' Ethik des Judentums
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 136 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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136 der Rabbinen haben aber guten Grund, das öffentliche Bewußtsein gerade des jüdischen Volkes mehr als bei irgend einem anderen der älteren Völker (natürlich!) als Quelle des ethischen Jdealgehaltes zu betrachten. Es sind historische Thatsachen, die diesen Grund ausmachen, und es wäre eine falsche und darum unzulässige Bescheidenheit (natürlich!), an dieser Stelle eben diese Thatsachen, die den speziellen Vorzug des jüdischen Stammes bewirken, zu verschweigen"-und Z 69: „Vor allem nämlich war das ethische Wissen, die Kenntnis des Gesetzes ganz anders und mit andern Völkern unvergleichbar verbreitet" — — immer und überall Superlative und Hyperbeln, wie man das ja von der Bescheidenheit des Judentums gewöhnt ist. Wenn wir uns nun die Ausführungen Lazarus', im einzelnen etwas näher ansehen wollen, so können wir, da L. sich ja auf keine Polemik und Apologetik einlassen will, uns das auch schenken und werden nur einzelne Punkte der „jüdischen Sittenlehre" beleuchten. — Als Grundbuch der jüdischen Ethik wird (§ 1) die Bibel bezeichnetaber nicht sie allein, sondern auch die rabbinischen Schriften: der Talmud u. s. w., welche „die ethische Gedankenschöpfung der früheren Zeiten erläutern und fortsetzen." Wie diese „Fortsetzung" im jüdischen Sinne gedacht wird, erklärt § 2 wie folgt: „Der sittliche Inhalt biblischer Thaten und Reden, Gedanken und Beweggründe wird in den rabbinischen Schriften erörtert, dadurch bereichert (?) und vertieft"- und § 6: „In den biblischen Schriften sehen wir den Grund zu dem Aufbau der sittlichen Welt in jüdischem Geiste gelegt. In den rabbinischen Schriften finden wir dann diesen Bau stetig weitergeführt: dies geschieht nach einer eigenartigen Methode, für die man allmählich 32 Regeln aufgestellt hatte. Nach dieser findet eine freie, fast schrankenlose Anwendung des biblischen Wortes statt (das ist allerdings stark! der Verf.), um eigene fortbildende sittliche Ideen aus demselben heraus- oder in dasselbe hineinzudeuten." (!) Andere Leute nennen dergleichen für gewöhnlich „systematische Verfälschung." Auch L. stößt sich doch etwas an dieser Art und Weise der „Bereicherung und Vertiefung des biblischen Wortes." Denn er giebt im Anhänge Nr. 1 (also in den Anmerkungen) zu, daß „bei dieser Methode (richtiger gesagt: Unmethode) freier Auslegung des Bibelwortes allmählich die Kunst, Neigung und sogar die Fähigkeit, das Bibelwort nach seinem wahren objektiven Sinne mit Notwendigkeit, so und nicht anders auszulegen, schwindet." Deshalb ist L. denn auch über die Zuverlässigkeit der Quellen nicht ganz sicher, denn er sagt (§ 43): „Schwieriger gestaltet sich die Frage nach der Natur und Verlässigkeit der Quellen der jüdischen Sittenlehre, wenn wir die zweifellose Thatsache beachten, daß die Lehren und Vorschriften, die wir aus ihnen schöpfen, oft sehr verschieden und zuweilen sogar einander widersprechend erscheinen." — Schade nur, daß uns L. die oben erwähnten „zweiunddreißig Regeln" für die Bibelerklärung vorenthalten hat. Sie würden wahrscheinlich einen besonders interessanten Einblick in die Tiefen rabbinischer Weisheit gestatten. Jnr Gegensätze dazu findet sich dann wieder § 72 die unglaublich dreiste Aeußerung: „Bei den Juden hat es niemals — auch in den schlechtesten Zeiten nicht — eine verworrene und verdorbene Wissenschaft der Sittenlehre gegeben." Unmittelbar darauf wird zugestanden, daß der jüdische Historiker den tiefsten Verfall einer früheren Zeit dadurch kennzeichnet, daß er nicht schlechte und böse Thaten erzählt, sondern „daß jeder nur that, was Recht in seinen Augen war." Wie nachsichtig! Was für eine Auffassung übrigens L. von einem Historiker hat,