Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1900
- Issue
- Thätigkeit der Deutschsozial-reformerischen Abgeordneten in den Volksvertretungen während der Session 1898 - 99.
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9038025-9038027-423307--131-185113- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
115 völlige Sicherungdes Wahlgeheimnisses (Jsolierraum für das Einlegen des Stimmzettels in einen Umschlag, Gleichartigkeit aller Stimmzettel u. s. w.) unterstützte die gesamte Fraktion wie schon früher. Nacheinander ergriffen die Abgg. Werner, Bindewald und von Liebermann das Wort dazu und schilderten die vielfachen Wahlmißbräuche, die immer wieder ungehindert vorkämen. Unter Anführung von Beispielen legten sie dar, wie gar mancher wirtschaftlich abhängige Wähler aus den Kreisen des Mittelstandes, der Beamten und Arbeiter, wenn er nicht seine Existenz aufs Spiel setzen wollte, einfach gezwungen wäre, so zu stimmen, wie es der oder jener große Herr vorschriebe. Abg. Werner rügte hierbei übrigens auch in freimütiger Weise die Rücksichtslosigkeit der Regierung, keinen Vertreter zu diesen Verhandlungen zu entsenden, weil sie ihr nicht paßten, während sie die Anwesenheit der Abgeordneten stets verlangte, wenn ihre Vorlagen zur Beratung ständen, gleichviel ob sie diesen paßten oder nicht. Bei anderer Gelegenheit sprach er seine scharfe Mißbilligung aus über die Wahlbeeinflussungen, die sich einzelne Behörden hatten zu schulden kommen lassen. Zu demselben.Gegenstände sprach Abg. Mampel wiederholt im badischen Landtage gelegentlich einer Wahlbeanstandung, indem' er besonders die Wahlumtriebe der Beamten tadelte. Im hessischen Landtage bekämpfte die antisemitische Fraktion bei mehreren Veranlassungen das indirekte Wahlrecht und verlangte an seiner Stelle die Einführung des direkten. Ebenso forderten unsere badischen Abgeordneten die Regierung auf, das dortige, ebenfalls indirekte Wahlsystem durch das direkte zu ersetzen, aber ohne die sog. Kautelen, die dessen Vorteile tatsächlich doch nur wieder ausheben würden. Die Judensrage ist in allen Volksvertretungen, in denen unsere Abgeordneten fitzen, von ihnen in mehr oder minder eingehender Weise erörtert worden; doch können naturgemäß nur die wichtigsten dieser Erörterungen hier Platz finden. Ueber die Judenfrage im allgemeinen sprach Abg. Mampel in einer scharfen Polemik gegen den Führer der badischen Nationalliberalen. Er legte mit kurzen Worten den Standpunkt unserer Partei dar und verteidigte ihn gegen die Angriffe von Leuten, die in dieser Frage nicht klar sähen, weil sie es eben nicht wollten. Im Reichstage wurde der bekannte Antrag auf Verbot der Einwanderung fremder Juden* 2) auch in dieser Session wieder eingebracht. Ein anderer, ebenfalls wiederholter Antrag?) das Schlachten ohne vorhergehende Betäubung der Tiere (Schächten!) zu untersagen, kam diesmal zur Beratung. Er beschäftigte den Reichstag in den Sitzungen vom 25. April und 9. Mai 1899. In mehreren, teilweise sehr ausführlichen und reichlich mit Material belegten Reden entwickelten die Abgg. Vielhaben, von Liebermann und Bindewald die Gründe, die ein solches Verbot unerläßlich machten. Sie lassen sich im wesentlichen dahin zusammensassen: Während die Grundsätze der Tierschutzvereine immer rückhaltsloser in allen Kreisen der Bevölkerung anerkannt würden, dulde man andererseits eine Einrichtung, die allen solchen Bestrebungen geradezu Hohn spreche, das Schächten. Gerade dieses Verfahren enthalte nicht nur nach allgemein menschlicher Anschauung, sondern auch nach Gutachten zahlreicher Sachverständiger im Gegensatz zu der gewöhnlichen Schlachtart die grausamste Tierquälerei; ganz 2) Die Konservativen sträubten sich natürlich — als einzige Partei des Hauses — nicht wenig dagegen. 2) 3) Vergl. Jahrbuch 1899. 8*