Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1900
- Issue
- Die Parteien innerhalb des modernen Judentums.
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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98 standsregister als „mosaisch" Eingetragenen mit Moses und den Propheten besonders vertraut sein müßten. Die Wahrheit ist, daß ein leidlich unterrichteter zwölfjähriger Junge aus christlich gesinnter Familie von den Erzählungen und Sprüchen des Alten Testaments mehr zu wissen pflegt, als die meisten jüdischen Litteraten und. Advokaten Berlins". Dazu bemerkt Herr M. A. Klausner: „Das ist tief beschämend, gerade weil es wahr ist." Aber nicht allein unter den großstädtischen Juden findet man den Jndifferentismus; er ist überall bis Lief in den Osten hinein weit verbreitet. In der Beilage zur Jüd. Pr. 1899 Nr. 44 finden wir einen Aufsatz über die religiöse Notlage in Ostpreußen, in dem es heißt: „Zu denjenigen Distrikten in Deutschland, wo das jüdische Leben am meisten von seiner alten Innigkeit verloren hat und eifige Gleichgültigkeit bei vielen Juden nur noch rein äußere Beziehungen zur Glaubens- und Stammesgemeinde erkennen läßt, gehört unzweifelhaft die Provinz Ostpreußen. Das ist — wenn man die Sache geschichtlich betrachtet — sehr wohl begreiflich. Hier ist die Geburtsstätte der altpreußischen Demokratie, hier fand der aufklärerische Liberalismus seine ersten Wortführer, und hier ist auch die Heimat der ersten Reformhelden in Israel. In Königsberg wurde David Friedländer geboren. Und der unheilvolle Geist der Nachahmungssucht und Entnationalisirung, der das Judentum zu einer bequemen Religion der Tagesmode, zu einem fashionabeln Kirchenbekenntnis (!) umgestalten und verflüchtigen wollte, feierte hier Erfolge über Erfolge. Ohne Uebertreibung wage ich die kühne Behauptung, daß es in ganz Ostpreußen nicht 50 eingeborene jüdische Familien — wohlgemerkt! eingeborene, von dem russisch-polnischen Zuzug ist naturgemäß abzusehen — giebt, die in Leben und Sitte dem überlieferten Judentum treu geblieben sind. Die Signatur der jüdischen Lebensführung läßt stch treffend auf die kurze Formel bringen: In Ostpreußen ist die imposante Majorität aller Deutschen jüdischer Abstammung (!) nur dreimal im Jahre resp. einmal (am Versöhnungstage) Juden. In grandioser Vollendung ist das Werk der Assimilation hier vollbracht. Im Laufe des Jahres merkt man, diesen Eintagsjuden ihr Judentum höchstens an der Nase an. Ohne jede Kenntnis der jüdischen Lehre und Volksgeschichte, ohne Liebe und Anhänglichkeit an die sinnigen Formen des Glaubens sind die Eltern; wie soll ihnen da das Bewußtsein aufdämmern, die Kinder in der Religion Israels, die ihnen selber aus Herz und Leben entschwunden, erfolgreich unterweisen zu lassen? Daher lassen denn auch thatsächlich viele Eltern ihre Kinder ohne jedweden Religionsunterricht aufwachsen, und die, welche dem heilsamen Zwange des obligatorischen — 2 Stunden — Religionsunterrichts nachgeben, sorgen schon durch ihre Gleichgültigkeit, ja oft Feindseligkeit gegen einen Lehrgegenstand, von dessen Wichtigkeit sie nicht im entferntesten durchdrungen sind, daß ihre Kinder nicht allzu viel „jüdisch lernen". Natürlich sind die religiös-indifferenten Juden sehr geneigt, ihre Religionsgemeinschaft ganz zu verlassen und „Christen" zu werden. In dem soeben angeführten Aussatze über das Judentum in Ostpreußen lesen wir, daß die Judentaufen in dieser Provinz prozentuell am zahlreichsten sind. An einer anderen Stelle berichtet die „Jüd. Pr." (1898, Nr. 49): „Die Juden in Sachsen stellen schon seit langem ein ungewöhnlich großes Kontingent zu den Uebertritten zum Christentum. Selbst in Berlin kommen im Verhältnis längst nicht so viel Taufen vor." Die „A. Z. d. I." (1899, Nr. 29) klagt gar beweglich über die Abtrünnigen: „Es mehrt sich der Abfall vom Judentum und gerade in den Reihen der „Studierten." Wer da meint, daß bei solchem Abfall eine Prüfung der einen oder der andern