Mannheim
Compact Memory

Antisemitisches Jahrbuch für ... · 1900-01-01 · Die Parteien innerhalb des modernen Judentums. · p. Seite 95

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Antisemitisches Jahrbuch für ...
Volume
1900
Issue
Die Parteien innerhalb des modernen Judentums.
Date
1900-01-01
Page
Seite 95 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/9038025-9038027-423306--110-185093
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

95 Handhabe zur Bewahrung dieser großen Ideen sind die religiösen Formen, die Zeremonien gesetzt, damit wir in ihnen die Mittel zur Erhaltung und die Zeichen -einer gemeinsamen Mission besitzen. Viele jener Formen haben sich nun überlebt -und für unsere Zeit ihre Bedeutung verloren. So ist es denn gekommen, daß in dem Synagogenkultus der Schwerpunkt des religiösen Lebens liegt. Soll nun dieses religiöse Leben wieder erstarken, so kann dies nur durch eine entsprechende Gestaltung des öffentlichen Kultus geschehen. Wie bei unseren Alten das Gotteshaus der eigenen Wohnung entsprach, beide aber in düsteren Formen dennoch die Innigkeiten bewahrten, so muß in unserer Zeit der helleren und größeren eigenen Wohnung die lichtvolle und geläuterte Form des religiösen Kultus entsprechen, ohne daß deshalb beiden die tiefere Innigkeit abhanden komme." „Man sollte meinen, daß diese Anschauungen innerhalb des modernen Judentums bereits zur allgemeinen Geltung gelangt seien; indes belehrt uns von Zeit zu Zeit ein Ansturm der Reaktion, die gewöhnlich mit der Reaktion auf allgemein kirchlichem und politischem Gebiet gleichen Schritt hält, daß diese Kämpfe noch immer nicht ausgefochten seien, und daß es noch lange ernster, zielbewußter Arbeit bedürfen werde, um den Ideen und Anschauungen des Fortschritts im Judentum volle Geltung zu verschaffen." „Mit Entrüstung aber müssen wir jederzeit den Vorwurf zurückweisen, als ob die freisinnigen Juden schlechtere oder weniger Juden feien, als die konservativen. Nein! Wir sind überzeugte glaubenstreue Juden, die aber das Wahre vom Falschen, das Dauernde vom Vergänglichen, den Kern von der Schale zu trennen wissen, und die über den wandelbaren Formen nicht die ewigen Wahrheiten des Judentums in Vergessenheit geraten lassen wollen." Aus der „A. Z. d. I." (1899, Nr. 18) erfahren wir weiter über das Verhältnis der Liberalen zu den Orthodoxen: „daß die Orgel doch nur für Unwissende den Unterschied zwischen dem alten und neuen Ritus bildet. Die Wissenden sind überzeugt, daß der Unterschied im Wesentlichen im Gebetbuche liegt. Das Gebetbuch der Synagoge mit neuem Ritus (in Berlin) unterscheidet sich nun, wie ja bekannt, mehr durch Auslassungen als durch Zusätze. Was hinzugefügt ist, sind deutsche Gebete, die aber ihrem Gehalt nach den alten Gebeten völlig entsprechen und in keinem Fall im Widerspruch stehen mit denen des alten Siddur. Wir beten nicht: Führe uns nicht nach Jerusalem zurück, wir sagen nicht: Führe die Opfer nicht wieder ein. Einen weit größeren Gewissenszwang scheint es uns für den fortgeschrittenen Rabbiner zu bedeuten, in der alten Synagoge diese Gebete zu sprechen, und trotzdem haben Aub und Geiger auf das Recht, in der alten Synagoge .zu predigen, niemals verzichten wollen. Den gleichen Standpunkt vertreten auch unsere heutigen Rabbiner. Sie halten es für notwendig, zu betonen, daß die Unterschiede in den einzelnen Synagogen nicht so große seien, als daß man nicht immerhin eine einheitliche gemäßigte Richtung für die Gesamtgemeinde darin erkennen könnte." Wir haben oben bereits erwähnt, daß die Reformjuden Westeuropas die sogenannte Assimilation mit den Völkern, unter denen sie wohnen, anstreben. Diese Bestrebungen fangen allmählich sogar an, sich unter den polnischen Juden zu zeigen, wenigstens nach Ansicht der zionistischen Eiferer. Wir erfahren darüber aus einem „Brief aus Warschau" in der „Welt" (1898 Nr. 44): „Neben den breiten Schichten, dem eigentlichen jüdischen Volk, daß trotz seiner Mängel eine urwüchsige, eigenartige und lebenskräftige Masse repräsentiert, haben .wir hier ein schwer krankes Fortschrittsjudentum. Noch lebt es, noch manifestiert

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.