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Antisemitisches Jahrbuch für ... · 1900-01-01 · Die Parteien innerhalb des modernen Judentums. · p. Seite 93

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Journal
Antisemitisches Jahrbuch für ...
Volume
1900
Issue
Die Parteien innerhalb des modernen Judentums.
Date
1900-01-01
Page
Seite 93 (sequence 8)
Language
German
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93 Wie die liberalen Juden ihr Verhältnis zu den konservativen ansehen, darüber ~ giebt uns der Jahresbericht des freisinnigen Vereins für jüdisches Gemeindeleben zu Frankfurt a. M. Aufschluß (A. Z. d. I. 1898 Nr. 48): „Es lag und liegt uns fern, mit unfern Bestrebungen unseren konservativen. Brüdern nahe treten zu wollen, deren Liebe, Begeisterung, Opferwilligkeit und Treue für die angestammte Religion wir bewundern und für unsere Kreise, in denen sie leider nicht immer in demselben Maße anzutreffen sind, erwünschen; aber es muß, um der Wahrheit und des Heils des-Judentums willen, immer und immer wieder betont werden, daß die unbekümmerte und oft bis zur Rücksichtslosigkeit und Intoleranz betriebene Ausübung von teils einer geläuterten religiösen Anschauung nicht mehr entsprechenden, teils in unseren Herzen keinen frommen Wiederhall mehr findenden Sitten und Gebräuchen unter dem Vorwände, daß mit diesen das - Judentum stehe und falle, dem Judentum zum Schaden, nicht zum Nutzen gereicht. Nicht alles, was in Zeiten blinder Verfolgung und fanatischen Glaubenshasses, nicht alles, was im Ghetto der Erhaltung des Judentums diente, kann diesem Zweck heute dienen, wo aus dem Ghettojuden ein Staatsbürger geworden ist, trotz der von manchen Gesichtspunkten aus nicht verwunderlichen Reaktion gegen die Emanzipation und trotz des sich breit machenden, aber als reaktionäres Gebilde nicht lebens- - fähigen (?) Antisemitismus. Nie hat es seit der Diaspora eine Zeit wie die heutige gegeben, in der den Bekennern des Judentums im Prinzip wenigstens die gleichen Rechte wie den mit ihnen in demselben Staate wohnenden Anhängern des herrschenden Bekenntnisses eingeräumt worden sind, eine Leistung des Staates, .die Gegenleistungen erfordert, und zwar so viele, als wir ohne Aufgabe unseres Judentums 9 gewähren können. Auch ist es nicht wahr, was die sogenannte Orthodoxie so gern behauptet, die sich zu Unrecht als Pächterin jüdischer Glaubenstreue geriert, . und diese jedem sich zu ihr nicht Bekennenden absprechen möchte, es ist nicht wahr, daß sich das Judentum stabil auf dem Standpunkt erhalten kann, auf den es durch eine mehrere Jahrhunderte alte Kodifikation gestellt worden ist. Man müßte sich geradezu die Augen verschließen, wollte man nicht sehen, wie auch das „traditionelle", „gesetzestreue" Judentum von dem Wantzel und Wechsel der Zeiten oft bis ins Innerste ergriffen, wie es von seinen Lehrern und Weisen „angepaßt", „entwickelt" worden ist. Der wahre Kernpunkt des Streites zwischen Konservatismus und Liberalismus im Judentum betrifft nicht, wie die Anhänger des echteren fälschlicherweise behaupten, die Grundsätze der Religion, des Glaubens, an denen auch die Vertreter des Liberalismus nicht rütteln können und wollen, sondern er betrifft das - Maß, den Grad der „Anpassung", der Assimilation." .„Assimilation bei voller Erhaltung ihrer Religion, das ist das Panier, um das sich zu scharen haben die Juden in Deutschland, wie überhaupt in. allen denjenigen Ländern, die den Juden gleiche Rechte gewähren wie den andersgläubigen Landeskindern." Da wir von der Assimilation der Juden nur Schlimmes zu befürchten haben und wünschen müssen, daß sie Ms in jeder Beziehung möglichst fern bleiben, so ergiebt sich, daß die liberalen Juden für uns gefährlicher sind als die konservativen. Man darf sich durch das von den Reformjuden so gern gebrauchte Wort „Assimilation" nicht täuschen lassen. Sie denken bei diesem Worte, wie bei so vielen andren, an etwas ganz anderes als wir. Sie verstehen darunter nur eine gewisse Man beachte diesen bedeutungsvollen Vorbehalt! Hier ist nicht von der Religion, sondern, vom Judentum schlechtweg die Rede.

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