Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Journal
- Antisemitisches Jahrbuch für ...
- Volume
- 1900
- Issue
- Die Parteien innerhalb des modernen Judentums.
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Die hier geschilderten Liberalen sind die auf der äußersten Linken stehenden; so weit gehen die meisten Reformer nicht. In der Besprechung einer Schrift des Prof. Lazarus über „Die jüdische.Ethik" (s. den nächsten Aufsatz) wirft die „Jüd. Pr." (1898 Nr. 49) den Reformern kleinliche Quacksalbereien vor, als da sind Orgel, deutsche Gebete, Abschaffung von rabbinischen Bestimmungen, die den Juden in seiner gesellschaftlichen Entfaltung hindern; ferner eine unglaubliche Verkennung des jüdischen religiösen Grundgedankens von der liefen Gesetzlichkeit, die das Leben des Einzelnen und der Gesamtheit souverän zu beherrschen berufen ist. Das liberale Rabbinerorgan, die „A. Z. d. I." (1898 Nr. 46) verteidigt die Reform in folgender Weise: „Als seinerzeit die ersten Reformen in der Berliner Gemeinde von Sachs angeregt worden find, meinte der damalige Rabbinatsverweser, Rabbiner I. Oettinger ... in Gemeinden in denen nur eine Synagoge vorhanden ist, müßte man von jeder Aenderung absehen, da dadurch der Friede im Gottesbause gestört würde. Dieses Argument halten wir für stichhaltig; es ist auch die einzige vernünftige Einwendung, die man gegen manche unschuldige Reformen machen kann. . . . Die Gebete können nach religiös-gesetzlicher Auffassung auch in jeder beliebigen Sprache verrichtet werden. Die Mischna (Sota VII, 1) lehrt dies klar mnd deutlich. Der Talmud fügt dann noch hinzu, daß der öffentliche Gottesdienst wohl in jeder Sprache abgehalten werden dürfe, für sich zu Hause aber soll man hebräisch beten. (Weshalb dieser Unterschied gemacht wird ist uns unverständlich.. D. Verf.) Hält man dies unserer Orthodoxie vor, so meinen sie mit einen Anflug von Unfehlbarkeitsdünkel: Was geht uns Mischna und Talmud an? Wir richten uns nach unserm Gefühl. Schön, Ihr sollt Euch nach Eurem Gefühl richten; andere Leute haben aber dasselbe Recht, und ihr Gefühl sagt ihnen, daß es jedenfalls anständiger und vernünftiger ist, in der deutschen Sprache zu beten, als hebräisch — nicht zu beten oder die Gebete in der hebräischen Sprache ohne Verständnis und auch oft ohne Verstand herunterzuleiern." „Von der Abschaffung der hebräischen Gebetsprache kann natürlich bei uns nicht die Rede sein (das ist doch recht inkonsequent! D. Verf.), denn die heilige Sprache muß uns allen teuer sein; sie ist das Band, das sich um die ganze jüdische Glaubensgenossenschaft windet. Aber jeder Sachkundige weiß, daß das eigentliche Gebet nur wenige Stücke enthält, deren Rezitation kaum eine Viertelstunde in Anspruch nimmt. Diese sollen hebräisch bleiben. Hingegen können alle andern liturgischen Stücke, die in späterer und spätester Zeit nur für die Andacht und die Erbauung der Gemeinde in die Liturgie ausgenommen worden sind, sehr gut durch solche in der Muttersprache ersetzt werden. Ja sie sollen durch deutsche Gebete ersetzt werden, da fast sämtliche Mitglieder der Gemeinde, sogar die Gelehrten unserer Orthodoxen inbegriffen, hebräisch kaum lesen tonnen; von Verstehen kann bei ihnen gewiß nicht die Rede sein, sonst würden sie sich nicht allerhand unsinniges Zeug aufbinden lassen. . . . Die wirklichen Gebete sollen hebräisch bleiben. Die Andachts¬ und Erbauungsstücke können in der deutschen Muttersprache abgefaßt sein. Sie werden gewiß viel zur Hebung des religiösen Gefühls in der Judenheit beitragen und jedenfalls vor Gott besser Gefallen finden, als das Herplappern von Worten, Die man nicht versteht, da doch das andächtige Erfassen der Gebete die erste Bedingung einer wirklichen religiösen Erbauung ist (und dabei sollen die „wirklichen Gebete" .hebräisch bleiben! Wunderliche Rabbinerlogik. D. Verf.) ... Jude sein heißt dem Fortschritt huldigen, ohne das Alte zu mißachten. Auf dem Boden des Vorhandenen soll weiter gebaut werden, das war stets die innere Lebenskraft des Judentums. Wir wollen keine Schulchan-Aruch-Mumien sein." (Sehr gut!)